Die Wolke

Am Tag, als der Fallout kam

Eine Filmkritik von Gesine Grassel

Viele Menschen haben die Katastrophe heute vergessen oder schätzen Atomkraft als weniger gefährlich und störanfällig ein als früher. Pünktlich zur neuen politischen Diskussionsrunde über Atomenergie und mögliche Alternativen kommt mit Die Wolke ein Film ins Kino, der vor allem eins will: aufrütteln.

Mitten im Gefühlschaos befindet sich Hannah (Paula Kalenberg), die mit ihrer Familie im kleinen Ort Schlitz nordöstlich von Frankfurt lebt. Ihr Klassenkamerad Elmar (Franz Dinda) hat schon lange ein Auge auf die 16-jährige Oberschülerin geworfen. Nach einigen vorsichtigen Annäherungsversuchen kommt es zum ersehnten Kuss. In dem Moment, als Hannahs Leben perfekt und nicht erschütterbar scheint, wird während einer Klausur ABC-Alarm ausgelöst. Schüler und Lehrer sind verstört, denn mit einer solchen Gefahr sind sie vorher noch nie konfrontiert worden. Zwar haben alle schon von Störfällen und Unglücken gehört, doch dass in dem nicht einmal 100 Kilometer Luftlinie entfernten Kernkraftwerk etwas passiert, schien immer mehr als unwahrscheinlich. Jetzt aber ertönt der Alarm und der kleine Ort verwandelt sich in Windeseile in einen Ameisenstaat. Fluchtartig verlassen die Einwohner ihre Häuser, ohne Rücksicht auf Verluste. Hannah trifft zuhause auf ihren kleinen Bruder Uli und die beiden verschanzen sich zunächst im heimischen Keller. Ihre Mutter Paula ist am Morgen zu einem Kosmetikkongress nach Schweinfurt aufgebrochen und nicht erreichbar. Als klar wird dass sich eine riesige radioaktive Wolke auf Schlitz zu bewegt, versuchen auch Hannah und Uli zu fliehen. Mit dem Fahrrad wollen sie zum Bahnhof ins nicht weit entfernte Bad Hersfeld. Schnell sind die beiden an der körperlichen Belastbarkeitsgrenze. Kurz vor dem Ziel stirbt Uli bei einem Unfall mitten im Fluchtverkehr. Am überfüllten Bahnhof ist inzwischen Panik ausgebrochen und die Wolke kommt immer näher. Hannah gibt auf. Als sie die Augen wieder öffnet, liegt sie in einem Krankenbett. Ihr Bruder Uli ist tot, die Mutter und ihr Freund Elmar sind verschollen. Fast 40.000 Menschen sind inzwischen gestorben. Nichts wird je wieder so sein wie es war.

Eine Katastrophe kommt selten allein - dachten sich wohl auch die Filmemacher von Die Wolke. Nichts wurde ausgelassen im Kampf gegen den unsichtbaren Feind Radioaktivität. Der gesamte Film trägt die unübersehbare Handschrift von Marco Kreuzpaintner, der zuletzt in Sommersturm einer kleinen Liebe in einer großen Geschichte zum Durchbruch verhalf. Auf Grundlage des gleichnamigen Romans von Gudrun Pausewang verknüpft er das Schreckensszenario eines AKW-Störfalls in Deutschlands mit einer herzerweichenden Teenagerliebe. Die ohnehin schon leicht gestrickte Buchvorlage, durch die sich fast alle Oberschüler mit systemkritischen und engagierten Lehrerinnen und Lehrern quälen müssen, wird mit der Liebesgeschichte leider vollends weichgespült. Selbst für großes Gefühlskino ist das Zusammenspiel Hannah-Elmar zu gewollt und zu perfekt. Regisseur Gregor Schnitzler will in Die Wolke zu viel. Fast krampfhaft wirken seine Versuche auch die letzten Reste versteckter Metaphorik jedem Zuschauer unmissverständlich aufzudrängen. Der Film bleibt in seiner Formvollendung und Idealisierung nur teilweise am Buch; die zusätzliche Liebesgeschichte fungiert als Publikumsmagnet. Raus kommt eine runde Geschichte, die keine Fragen offen lässt. Nicht zuletzt die Bildsprache vermittelt den Eindruck alles erklären und überdeutlich zeigen zu müssen. Für eigene Gedanken oder Fantasie ist kein Platz geblieben. Der Eindruck, man säße in einem Lehrfilm der Anti-AKW-Bewegung, drängt sich unweigerlich auf. Ein Film für junge Zuschauer und Fans von Sommersturm. Alle anderen sind mit der Romanvorlage deutlich besser bedient. Schade.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/die-wolke