The New World

Neues vom Phantom Hollywoods

Terrence Malick zählt zu den ganz großen Regisseuren Hollywoods und zu den Menschen, die doch kaum einer kennt. Der Grund dafür ist einfach: Zum ersten hat der mittlerweile 63-jährige gerade mal 4 Filme gedreht, von denen zwei zudem aus den Siebzigern stammen (Badlands und Days of Heaven). Und zum zweiten ist Malick so scheu, dass er seine Filme nicht selbst präsentiert, seit Jahrzehnten keine Interviews mehr gibt und nicht mal ein Bild von ihm existiert. Er ist das Phantom von Hollywood, eine legendäre Gestalt, die allein ihrer eigenen künstlerischen Vision und am liebsten nur das Werk für sich selbst sprechen lassen möchte. Insofern ist es kein Wunder, wenn jeder neue Film von Terrence Malick ein cineastisches Großereignis ist, das mit großer Spannung erwartet wird, denn der überragende Kriegsfilm The Thin Red Line, Malicks letztes Werk, liegt bereits 7 Jahre zurück. Umso höher waren also die Erwartungen an des Meisters neues Werk The New World, das auf der Berlinale seine Premiere feierte und im Wettbewerb zu sehen war – allerdings außer Konkurrenz.
Was läge für einen Regisseur, der zur Legende geworden ist, näher, als sich auch filmisch mit einer Legende zu beschäftigen? Im Falle von The New World ist es die Geschichte der „edlen Wilden“ Pocahontas, die sich 1607 in den jungen Briten John Smith verliebt. Wie nah Malick dieses Thema liegt und wie sehr er darum gekämpft hat, mag allein die Tatsache verdeutlichen, dass das Drehbuch bereits seit den Siebziger Jahren auf die Verfilmung wartet.

Dargestellt wird die schöne Prinzessin der Powhatan-Indianer von der gerade erst 16 Jahre alt gewordenen Q\'Orianka Kilcher, die eine echte Entdeckung ist und nachhaltig in Erinnerung bleibt. In traumhaften, schwelgerischen Naturaufnahmen, untermalt von Wagnerianisch klingender Musik erzählt Malick von der Begegnung der Indianerin mit John Smith (Colin Farrell), der mit drei britischen Schiffen im April des Jahres 1607 in der Neuen Welt landet. Für Smith eine Ankunft in Unfreiheit, denn aufgrund von Befehlsverweigerung liegt er in Ketten, doch bei der Landung in dem unbekannten Land schenkt ihm Kapitän Newport (Christopher Plummer) die Freiheit. Die Siedler gründen eine Befestigung namens Jamestown, doch obwohl sie sich kaum in die atemberaubende Wildnis Amerikas wagen, kommt es bald zu ersten Konflikten mit den Ureinwohnern, deren sensibles Geflecht von Stammesstrukturen sie erheblich stören. Als Smith bei der Proviantsuche in einen Hinterhalt gerät und gefangen genommen wird, lernt er Pocahontas kennen und lieben. Als Smith aber eines Tages nach England zurückbeordert wird, bleibt Pocahontas allein zurück...

Der Titel The New World ist durchaus mehrdeutig und repräsentiert nicht nur den Blick der Eroberer auf die neue Welt. Denn auch die Ureinwohner sehen sich plötzlich mit einer neuen Welt konfrontiert, einer, die in das eigene Land eindringt und das Paradies zerstört, indem sie das mühsam ausbalancierte Gleichgewicht der Dinge ins Wanken bringen. Der Film beschreibt einen Zusammenprall der Kulturen und Lebensweisen, der nicht miteinander vereinbar ist. Dass The New World trotz dieses Bezugs zur Gegenwart kaum als Zeitdiagnose taugt, liegt vor allem an der Überästhetisierung, an den allgegenwärtigen Voice-Overs, die den Film mehr als einen Traum oder eine Erinnerung denn als Werk mit aktuellen Bezügen erscheinen lassen. Es ist ein Traum vom Paradies und die ferne Erinnerung an ein Amerika, das es möglicherweise nie gab, oder, wie es die Produzentin Sarah Green ausdrückt, die Vorstellung, \"dass das wahre Amerika immer noch auf seine Entdeckung wartet\".

Ob sich diese Traum- und Gedankenwelt jedem Zuschauer beim Sehen erschließt, darf bezweifelt werden. Was abseits aller Schönheit, die bisweilen an David Hamiltons Kleinmädchenfantasien erinnert, stört an diesem Film, ist sein Beharren auf einem Zustand der Unschuld und die Reduzierung der Geschichte auf eine schnöde Love Story. Eine Problematisierung des Kolonialismus findet nicht statt, man hat sogar das Gefühl, dass sie bewusst ausgeklammert wird, um den ruhigen Fluss der Bilder nicht zu stören. Wem es freilich genügt, in die unglaublichen Bilder- und Klangwelten eines wahren Kinomagiers einzutauchen, wird an The New World seine Freude haben, ästhetisch ist der Film allemal ein Highlight. Die Gedankenwelt des Terrence Malick und die Widersprüchlichkeit der Legende von Pocahontas aber, die dringend auf eine kritischen Durchleuchtung wartet, droht bei so viel Schönheit im Strom der Bilder unterzugehen.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer-streaming/the-new-world