Neil Young: Heart of Gold

Wenn Legenden aufeinander treffen..

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Wer nun allerdings glaubt, Neil Young: Heart of Gold beziehe seine Spannung vor allem aus der Frage, wie diese zwei Super-Egos miteinander auskommen, sieht sich (aufs Angenehmste) enttäuscht und überrascht. In jeder Minute meint man den gegenseitigen Respekt förmlich zu spüren, und es mutet beinahe etwas seltsam an, wenn ein gestandener Hollywood-Recke wie Demme eingesteht, ständig mit der Angst gekämpft zu haben, dass Young ihn mitsamt seinen acht Kameras hochkant wieder hinauswerfe. Dabei ist Demme nicht nur ein renommierter Regisseur, sondern vor allem im Bereich Musikfilm durchaus erfahren und mit einem ausgezeichneten Ruf versehen – verantwortete Demme doch das Bahn brechende Werk Stop Making Sense über die Talking Heads, das heute noch als stilbildend gelten darf.

Der persönliche Hintergrund Neil Youngs zum Zeitpunkt des Entstehens des Films ist durchaus ernst, denn Anfang 2005 hatten Ärzte bei dem Musiker ein lebensbedrohliches Aneurysma im Gehirn diagnostiziert, das eine umgehende und gefährliche Operation nötig machte. Anscheinend war sich Neil Young selbst nicht sicher, ob er diese Operation unbeschadet überstehen würde, denn er spielte in Rekordzeit sein neues Album Prairie Wind ein, gerade so, als gelte es eine Art musikalisches Vermächtnis zu hinterlassen. Glücklicherweise verlief die Operation gut, so dass nun der Plan reifte, das Album in einer Live Session im legendären Ryman Audtorium in Nashville, der Heimat der Country-Radiosendung \\\\\\\"Grand Ole Opry\\\\\\\" einem begeisterten Publikum vorzustellen. Demme und Young kannten sich bereits durch verschiedenen Zusammenarbeiten (unter anderem am Soundtrack zu Philadelphia), und so war es nahe liegend, dass Demme auch die Regie an diesem Musikfilm übernehmen sollte.

Neil Young: Heart of Gold lebt unbestritten von der einzigartigen Atmosphäre, die der Musiker zu erzeugen versteht. Mit Begleitmusikern und Gospel-Chor, aber auch allein mit der Gitarre, mit Songs von der neuen Platte oder auch Klassikern wie The Needle and the Damage done, dem Titel gebenden Heart of Gold oder Old Man im Gepäck – Neil Young wirkt in jeder Minute dieses Konzerts, das an zwei Abenden aufgezeichnet wurde, gelöst und nachdenklich, souverän und verletzlich, zärtlich und voller Weisheit. Und so ist es denn auch logisch, dass Demme auf jeglichen rockistischen visuellen Firlefanz verzichtet hat und stattdessen die stillen Momente, die kleinen Gesten und die menschlichen Regungen dieses Konzerts zeigt. Er zeigt die menschliche Seite einer Musikerlegende, und vielleicht ist es gerade das, was uns den Menschen und Musiker Neil Young noch näher bringt. Denn dieser Mann, so wissen wir nach diesem begeisternden Musikfilm hat nicht nur Gold in den Fingern und in der Stimme, sondern er hat auch ein „Heart of Gold“. Und es ist gut zu wissen, dass er noch unter uns Lebenden ist.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/neil-young-heart-of-gold