World Trade Center

Patriotisches Erbauungsdrama

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Es ist ein Tag wie jeder andere auch. Am Morgen des ungewöhnlichen warmen 11. September des Jahres 2001 frühstücken die beiden Polizisten Will Jimeno (Martin Pena) und John McLoughlin (Nicolas Cage) von der New Yorker Hafenpolizei gemeinsam mit ihren Familien. Ein Sinnbild des Friedens, das an diesem Tag jäh zerstört werden wird, doch das ahnt zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Anschließend machen sie sich auf den Weg zur Arbeit. Als die Nachricht eintrifft, dass ein Flugzeug um 8:46 Uhr in den Nordturm des World Trade Centers gekracht ist, gehören Jimeno und McLoughlin zu den ersten Polizisten, die nach Manhattan geschickt werden, um dort die Lage zu sondieren. Noch ist vollkommen unklar, was eigentlich passiert ist, erst als um 9:03 Uhr eine zweite Maschine in den Südturm des WTC fliegt, ist klar, dass es sich hierbei nicht um ein Unglücksfall handelt, sondern um den gewaltigsten Terroranschlag, den Amerika jemals erlebt hat.
Die Polizisten und anderen Einsatzkräfte werden in die Türme geschickt, um Tote und Verletzte zu bergen und nach Möglichkeit das Feuer zu löschen, das durch den Einschlag der Maschinen entstanden ist. Jimeno und McLoughlin befinden sich gerade in der Durchgangshalle, dem „Concourse“, als der erste Turm wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt. Geistesgegenwärtig retten sich die beiden Helfer in einen Fahrstuhlschacht und überleben so wie ein Wunder den Zusammenbruch und die herumfliegenden Trümmer. Es folgt eine mehr als zwölfstündige Leidenszeit, die die beiden – voneinander getrennt, aber umeinander wissend – wie durch ein Wunder überleben. Was die beiden am Leben erhält, sind vor allem die Gespräche, die die beiden führen, über das Leben und ihre Arbeit, über Träume, Wünsche und Hoffnungen – und natürlich die Liebe ihrer beiden Frauen (Maria Bello und Maggie Gyllenhaal).

Oliver Stones Film über die Anschläge auf das World Trade Center war bereits im Vorfeld mit großer Spannung erwartet worden. Wie würde Amerikas berühmt-berüchtigter Querkopf, der bereits aus dem Tod John F. Kennedys eine Heldengeschichte ganz eigener Art strickte und kritisch mit Richard Nixon ins Gericht ging, das amerikanische Trauma verarbeiten, das seither den Lauf der Welt bestimmt? Die Antwort ist ebenso verblüffend wie enttäuschend. Aus dem unbequemen Saulus ist ein patriotischer Saulus geworden, der alle Register seines unbestreitbaren filmischen Könnens zieht, um der Welt zu zeigen, dass unter dem Eindruck von 9/11 auch er in die geschlossene Front der aufrechten Amerikaner eingerückt ist und die Reihen fest geschlossen hält. World Trade Center ist nichts weiter als ein ins Gigantische aufgeblasenes patriotisches Erbauungsfilmchen, das die Werte der einfachen Amerikaner, deren Mut und Unbezwingbarkeit in den höchsten Tönen lobt. Kritische Distanz und das gewohnte Hinterfragen historischer Fakten bleiben dabei auf der Strecke. Falls noch jemand daran Zweifel hegen sollte, dass Oliver Stone eines Tages die Freiheitsmedaille, die höchste zivile Auszeichnung der USA, erhalten sollte – mit diesem Film hat er sich den Orden redlich verdient. Die Academy of Motion Pictures and Sciences, die alljährlich die Oscars verleiht, möge diesem angenommenen Szenario bitteschön nicht folgen. Aber wir befürchten das Schlimmste…

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer-streaming/world-trade-center