The Black Dahlia

Mutmaßungen über Elisabeth Short

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Ellroys Romane sind extrem komplex und vielschichtig aufgebaut, und so ist jede Verfilmung ein Ereignis von cineastischem Weltrang, da ein Scheitern beinahe vorprogrammiert sein muss. L.A. Confidential war in gewisser Weise ein Glücksgriff, wenngleich der Film den Roman beinahe ebenso verstümmelte wie ein besessener Triebtäter seine Opfer und ebnete den Weg für die Verfilmung von The Black Dahlia, einem Buch, das in vielerlei Hinsicht ein Schlüsselroman im Werk Ellroys ist. Und das hat vor allem biographische Gründe: Als der Schriftsteller zehn Jahre alt war, wurde seine eigene Mutter erdrosselt aufgefunden, wie der Fall von Elisabeth Short konnte auch dieser Mord niemals aufgeklärt werden. In Ellroys Phantasie vermischten sich die beiden Morde immer mehr miteinander, so dass das Schreiben auch zu einer Spurensuche in der eigenen Vergangenheit wurde.

Vielleicht sind es diese Hintergründe, die die Vorarbeiten zu The Black Dahlia extrem verkomplizierten. Ursprünglich war David Fincher (Fight Club, The Game) für das Projekt vorgesehen, doch der zog sich zurück, weil ihm das Drehbuch nicht zusagte, so dass schließlich der Weg für Brian De Palma frei wurde. Auf den ersten Blick eine gute Wahl, da viele der Filme De Palmas genau jene Mischung aus Gewalt, unterschwelliger Sexualität und moralischer Ambivalenz aufweisen, die auch Ellroys Werke auszeichnen. Kein Wunder also, wenn The Black Dahlia als eines der Filmereignisse dieses Herbstes gelten darf, neben einer anderen Literaturverfilmung, nämlich jener von Patrick Süskinds opus magnum Das Parfum.

Zum Film: Als am 15. Januar 1947 auf einem unbebauten Grundstück die grausam verstümmelte Leiche von Elisabeth Short (in wenigen Sequenzen, darin aber umso brillanter dargestellt von Mia Kirshner) aufgefunden wird, ist die Öffentlichkeit entsetzt ob der blutigen Details: Der Körper der jungen Frau ist in der Mitte durchgetrennt, die Organe wurden umarrangiert und das Gesicht ist bestialisch zugerichtet – offensichtlich die Tat eines Verrückten. Die beiden Detectives Dwight „Bucky“ Bleichert (Josh Hartnett) und Leland „Lee“ Blanchard (Aaaron Eckhardt) übernehmen die Ermittlungen und geraten schnell an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Für Blanchard wird der bizarre Fall zu einer Obsession, die sein ganzes Leben und seine Beziehung zu Kay (Scarlett Johansson) radikal verändert. Bleichert hingegen verfällt den Reizen der Madeleine Linscott (Hilary Swank), die aus einer angesehen Familie stammt und die in den Mord verwickelt zu sein scheint. Als sich herausstellt, dass die bisexuelle Madeleine eine Affäre mit dem Mordopfer unterhielt, schließt sich der Kreis zwischen den Beteiligten, zumal Bleichert herausfindet, dass ihm sein Kollege offensichtlich wichtige Details verschweigt. Es beginnt ein Wettlauf um Lüge und Wahrheit, der alle Beteiligten immer tiefer in einen Sumpf des Verderbens hineinreißt…

Brian De Palma fühlt sich dem Geist und der Geschichte James Ellroys in hohem Maße verpflichtet, was man vor allem daran merkt, dass der Regisseur in keiner Minute versucht, das komplexe Gewirr der Handlungsstränge und Querverbindungen zu vereinfachen, so dass es durchaus eine Qual sein kann, dem Verlauf der Story zu folgen, was aber mit der Zeit auch zweitrangig wird. Denn De Palma greift tief in den Fundus des Film noir und schafft mit The Black Dahlia eine Art Kompendium von Hollywoods Schwarzer Serie, eine Stilübung, die immer wieder mit brillanten Einfällen und nostalgisch gefärbten Bildern zu überzeugen weiß, ein Manierismus, der ein ums andere Mal über sein Ziel hinausschießt und die ohnehin schon komplexe Story vollends bedeutungslos macht. Dies macht The Black Dahlia zu einem zwar durchaus sehenswerten, aber kaum zu goutierenden Film, der den Zuschauer ebenso überwältigt wie ratlos zurücklässt.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/the-black-dahlia