Borat

Jagshemash oder wie die glorreiche Nation von Kasachstan die USA im Sturm eroberte

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Erinnert sich noch jemand an die wunderbare Doku-Fiktion Deckname Dennis von Thomas Frickel, in dem ein vermeintlicher amerikanischer Geheimagent durch Deutschland reiste, um ein Bild des Landes zu gewinnen? Was herauskam, versetzte selbst eiserne Patrioten in Erstaunen und Entsetzen, denn die angebliche Nation der Dichter und Denker entpuppte sich bei genauerer Betrachtung als merkwürdiges Surrogat aus blühendem Blödsinn, skurriler Exzentrik und gefährlichen politischen Spinnern, die das Wort Demokratie nicht einmal buchstabieren können. In Borat / Borat - Cultural Learnings of America for Make Benefit Glorious Nation of Kazakhstan unternimmt der vermeintliche kasachische TV-Reporter Borat (Sacha Baron Cohen) gemeinsam mit einem ultraschmierigen TV-Produzenten namens Azamat Bagatov (Ken Davitian) eine Reise quer durch die USA, um seinem Volk in einer Reportage die Segnungen westlicher Demokratie und Lebensweise nahe zu bringen. Als Borat in New York beim Zappen durch die unzähligen TV-Kanäle auf eine alte Folge von Baywatch stößt, verliebt sich der tumbe Schlacks augenblicklich in Pamela Anderson und hat künftig noch eine Mission mehr, die ihn antreibt: Er will nach Kalifornien, um die üppige Badenixe auf traditionell kasachische Weise zu ehelichen. Doch bevor es soweit ist, trifft Borat noch eine ganze Reihe von Amerikaner, die alle ganz beseelt sind von dem Wunsch, dem sympathischen Mann mit dem Pferdelachen ihre Kultur und Lebensart zu vermitteln. Was sie allerdings nicht wissen: Borat ist nur eine Kunstfigur, ausgesandt, um seinen amerikanischen Landsleuten auf den Zahn zu fühlen…
Sacha Baron Cohen, in England als endkrasser Rapper-Checker Ali G. zum Star geworden, zieht in Borat / Borat - Cultural Learnings of America for Make Benefit Glorious Nation of Kazakhstan alle Register seines komödiantischen Könnens, wobei man allerdings auch zugeben muss, dass es ihm die Amerikaner auch denkbar einfach machen. Ob Feministinnen, Fahrlehrer oder Rodeoreiter – Borats offensichtliche Dummheit und Rückschrittlichkeit bringt sie alle so sehr zum Staunen, dass sie es ihm locker gleichtun, ohne es zu merken. Vor allem hört kaum jemand richtig hin, was der vorgebliche Kasache für einen blühenden Blödsinn verzapft: Als Borat bei einem Rodeo eine kleine Rede hält und verkündet, George W. Bush solle nicht eher ruhen, bis er vom Blut jedes einzelnen Irakers und auch dem ihrer Frauen und Kinder getrunken habe, erntet er stürmischen Beifall. Sacha Baron Cohens Humor ist mitunter brachial und kennt weder Freunde noch Verwandte, doch das Verblüffende ist, dass es in den entsprechenden Situationen kaum jemand bemerkt. Kein Wunder also, dass dieses Land Humor-Coaches nötig hat, selbst wenn diese sich als staubtrockene Mega-Langweiler entpuppen.

Auch Kasachstan selbst erweist sich bislang im perfiden Spiel Sacha Baron Cohens eher als Spaßbremse: Im Vorfeld eines Besuchs in den USA sah sich deshalb der kasachische Präsident Nursultan Nazarbayev dazu veranlasst, mehrere Presseerklärungen verbreiten zu lassen, die aufs schärfste gegen die Darstellung seines Landes protestierten. Und selbstverständlich beeilte sich die größte kasachische Kinokette eiligst zu versichern, dass man den Film nicht auf die Leinwand bringen werde. Doch die wütenden Kasachen vergessen eines: Sacha Baron Cohen gibt in Borat / Borat - Cultural Learnings of America for Make Benefit Glorious Nation of Kazakhstan kein naturgetreues Bild von Kasachstan ab, das ist auch gar nicht seine Absicht, sondern er jongliert vielmehr virtuos mit den Vorurteilen der westlichen Welt, namentlich der USA, gegenüber einem Land, über das kaum jemand etwas weiß und für das sich nicht mal jemand interessiert, wenn ihm ein Vertreter dieses Landes gegenüber sitzt. Allein das ist bereits entlarvend genug für die amerikanische Einstellung, der Welt außerhalb der USA zu begegnen. Doch damit nicht genug: Mit den Augen eines staunenden Fremden demaskiert Cohen gleichzeitig den „american way of life“ als eine Gemengelage aus grenzenloser Selbstüberschätzung, Ignoranz, Dummheit und einer gehörigen Portion Verrücktheit. In Wahrheit, und das ist ebenso erschreckend wie entlarvend und brüllend komisch, gibt es kaum einen Unterschied zwischen einer vermeintlich rückschrittlichen Nation wie Kasachstan und dem vermeintlich fortschrittlichsten Land der Erde, den USA. Wenn dieser Film nicht der Kulthit dieses Herbstes wird, weiß ich auch nicht mehr weiter. Selten so gelacht!

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/borat