Yes, I am!

In memoriam Alberto Adriano

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Als am 10. Juni 2000 der aus Mosambik stammende Alberto Adriano in Dessau von drei betrunkenen jugendlichen Neonazis brutal zusammengeschlagen und getötet wurde, löste diese Tat einiges aus. Sie verdeutlichte auf drastische Weise, dass der Ausländerfeindlichkeit in Deutschland nicht mehr mit Wegschauen zu begegnen war. Viel zu lange schon hatten Politiker und Bürger die Anzeichen einer zunehmenden Gewaltbereitschaft, die sich immer wieder vor allem in den fünf ostdeutschen Bundesländern in Übergriffen gegen Ausländer manifestiert hatte, schlichtweg ignoriert. Dabei ist der Fall Alberto Adriano kein Einzelfall: Mehr als 135 Menschen wurden seit der Deutschen Wiedervereinigung von rechtsgerichteten Tätern ermordet. Noch unter dem Eindruck der schrecklichen Tat beschlossen einige Freunde aus der Musikerszene im Februar des Jahres 2001, sich zu einem Verein mit dem Namen Brother’s Keepers e.V. zusammenzuschließen, um – wie sie schrieben - „das Schweigen zu brechen und den Stimmlosen eine Stimme zu geben“ – unter den Mitgliedern des Vereins befinden sich auch Stars der Musikszene wie Xavier Naidoo und Afrob.
Gründungsmitglieder von Brother’s Keepers e.V. sich auch D-Flame, Adé und Mamadee, die allesamt eines eint: Sie wuchsen als deutsche Kinder schwarzer Väter auf. Und sie sind heute alle Musiker. Um sie, um ihre Vergangenheit als Deutsche schwarzer Hautfarbe und um ihr Engagement für Brothers Keepers e.V. dreht sich Sven Halfars Dokumentation Yes, I am!. Der Film begleitet D-Flame, Adé und Mamadee auf ihren Touren durch Schulen, wo sie mit den Schülern über den alltäglichen Rassismus diskutieren und darüber, was es bedeutet, als Deutscher anders auszusehen als die anderen. Und ganz nebenbei entstehen die "typischen" Biographien dreier junger Deutscher, die zwischen ihrer Heimat und Afrika, das sie meist nur aus Erzählungen kennen, hin und her gerissen sind. Einzig Adé hat lange Jahre seiner Kindheit in Nigeria, der Heimat seines Vaters verbracht. Als dieser von Banditen ermordet wurde, kam die Mutter zurück nach Köln. Das war 1986, Adé war zu diesem Zeitpunkt 15 Jahre alt. Seitdem lebt er abwechselnd in Köln oder in Lagos. Mamadee wurde in der ehemaligen DDR geboren, ihr Vater war ein Student aus Sierra Leone. Als er ausgewiesen wurde, weil Studienzeit und Aufenthaltserlaubnis abgelaufen waren, blieb Mamadees Mutter mit ihren Kindern verlassen zurück. D-Flame alias Danny Kretschmar hingegen ist der Sohn eines farbigen GI. Dem Vater wurde das Drogengeschäft zum Verhängnis, und auch D-Flame kam schnell vom rechten Weg ab, er dealte, landete dann im Gefängnis. Doch heute hat er sich wieder aufgerafft und eine beachtliche zweite Karriere als Rapper gestartet.

Verbunden mit der Geschichte von Brother's Keepers und den faszinierenden Auftritten des Bandprojekts gibt Sven Halfar mit seinem Film Yes, I am! einen außergewöhnlichen und bewegenden Einblick in drei Biographien, die stellvertretend für die Schwierigkeiten aller Ausländer oder auch nur fremd Aussehenden in Deutschland stehen. Der Film sollte ebenso Pflichtprogramm an deutschen Schulen werden wie die Besuche der Brother’s Keepers. Doch das bleibt wahrscheinlich nur ein frommer Wunsch.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer-streaming/yes-i-am