Ich habe den englischen König bedient

Kleiner Mann, ganz groß!

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Der Film erzählt die Geschichte des buchstäblich kleinen Kellners Jan Dite (Ivan Barnev), der mit viel Witz, einer gehörigen Portion Raffinesse seinen Weg vom Würstchenverkäufer zum Hotelier und Millionär schafft. Unterwegs verdient sich Jan, ein Nachfolger des braven Soldaten Schwejk und viel mehr noch des Hochstaplers Felix Krull, per Zufall und nur dank seiner geringen Körpergröße den Orden des äthiopischen Kaisers, verliebt sich ausgerechnet in eine sudetendeutsche Frau (Julia Jentsch), die sich als waschechte Hitler-Verehrerin herausstellt und darf in einem Lebensborn-Heim als einziger den arischen Frauen beim Nacktbaden zusehen – er ist eben ein echter Hans im Glück. Am Schluss wähnt er sich am Ziel seines Lebenstraumes angekommen, doch das Glück ist ein launisches Geschöpf, so dass Jan feststellen muss: „Wie gewonnen, so zerronnen“.

Ich habe den englischen König bedient / Obsluhoval jsem angelického krále ist ein ganz wundervoller, auf charmante Weise altmodischer Film, voller verrückter Einfälle und Spielereien, heiter und besinnlich, traurig und albern, philosophisch und dann beinahe wieder banal. Geradezu meisterhaft versteht es Jiří Menzel, mit viel Freude am ausgelassenen Spiel das Schicksal seines Landes und seines kindlich-naiven Protagonisten (Jan Díte ist nicht nur klein von Gestalt, zudem bedeutet sein Name im Tschechischen auch noch "Kind") Revue passieren zu lassen – und zwar aus der Perspektive des alten Jan (Oldřich Kaiser), dessen Leben aller Leichtigkeit zum Trotz dann doch in sanfter, aber niemals resignierender Melancholie endet. Denn wir wissen mit Jan Dite am Ende des Films, dass sein Leben gut war.

Zugleich – und hierin zeigt sich die wahre Größe dieses Films – schildert dieser nicht nur mit viel Verve das Schicksal seines Helden, sondern lässt hinter und in dieser Figur auch noch die Weltgeschichte durchscheinen und beschreibt diese auf unglaublich originelle Weise. Mit großer Leichtigkeit, die meilenweit von der erdenschwere oder verkrampft-lustigen Bemühtheit entfernt ist, einen anderen Erzählton in die Aufarbeitung der eigenen Geschichte zu bringen, spart Menzel die dunklen Epochen des tschechischen Geschichte nicht aus und zeigt, wie einfach manchmal die Darstellung der Schrecken der Vergangenheit sein kann: Als die Nazis den behinderten Besitzer des Hotels mitsamt seinem Sessel auf einen LKW verladen, ist dies eine Beschreibung der Euthanasie-Politik der Nationalsozialisten, wie sie verblüffender und einfacher nicht sein könnte. Und Szenen wie diese, in denen die ganze Tragik und die Komik der Zeit in einem einzigen Bild zusammenfließen, sie finden sich zuhauf in diesem Film. Sie machen Ich habe den englischen König bedient / Obsluhoval jsem angelického krále zu einer konsequenten Weiterführung und Verfeinerung der Verfahren, der sich Roberto Benigni in seinem Film Das Leben ist schön / La vita è bella bedient – und das alles ohne die Überdrehtheiten Benignis.

Jiří Menzels 26. Film als Regisseur ist ein wahres Kleinod des an Schätzen und Entdeckungen nicht gerade armen tschechischen Kinos und ein Musterbeispiel dafür, dass sich intelligente Unterhaltung, vergnügliche Geschichtsstunde und die gelungene Verfilmung eines Klassikers der Literatur nicht zwangsläufig ausschließen müssen.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/ich-habe-den-englischen-koenig-bedient