2 Tage Paris

Donnerstag, 16.6. 2011, ARTE, 20:15 Uhr

Eine Filmkritik von Tomasz Kurianowicz

Diese Frau ist hübsch, charmant und eloquent – sie könnte das Produkt einer poetischen Idee sein, eine wahr gewordene Phantasie; lyrisch, musisch, aber vor allem: très parisienne. Ihr Name ist Marion, und sie ist Chronologistin einer enger werdenden Liebesbeziehung, die trotz oder gerade wegen des länger zurückliegenden ersten Dates eine neue Etappe beschreitet. 2 Tage in Paris / Deux Jours à Paris spiegelt das Ergebnis dieser vermeintlichen Beziehungschronologie, wobei der verführerische Anspruch nicht an Vehemenz verliert und sowohl von Marion als auch von Julie Delpy erhoben werden darf, hat letztere doch Hauptrolle, Regie- als auch Drehbuchführung übernommen. Von einem persönlichen Werk zu sprechen, das wäre fast schon eine Untertreibung.
Julie Delpy entwickelt in ihrem Schaffensprozess selbst eine Art Chronologie. Sie hat erfolgreich vor der Kamera für das Projekt Before Sunrise gestanden und eine junge Frau bei der ersten, intensiven Liebeserfahrung gespielt. Später realisierte sie zusammen mit dem Rgeisseur Richard Linklater und ihrem Schauspielpartner Ethan Hawke die Fortsetzung mit Before Sunset, in der sie dieselbe Person im erwachsenen Alter darstellt und dabei Wünsche und Hoffnungen beider Etappen in Beziehung setzt. Und jetzt dieser Film, der weniger melancholisch, dafür umso humorvoller das Konfliktpotenzial eines Paares um die 30 karikiert. Aus drei verschiedenen Phasen entspringen ebenso variationsreiche Ergebnisse, die, wenn man in der richtigen Gemütslage ist, schlichtweg überzeugen.

Marion und Jack (Adam Goldberg) kommen nach einem Venedigurlaub mit einem Nachtzug nach Paris. Sie leben in New York und wollen die Gelegenheit nutzen, sich vor der Abreise als verliebtes Paar den Eltern von Marion vorzustellen. Jack weiß von seinem großen Glück noch nichts, denn das Treffen mit Papa (Albert Delpy) - der gebürtige Vater von Julie Delpy -, der den altlinken Brachialpariser mimt, als auch mit Mama (Marie Pillet) - ebenso Teil der realen Vormundschaft -, mutiert zu einem Crash der Kulturen voller Abweichungen und Irritationen. Jack, der Amerikaner, versucht mit aller Mühe den kulturellen Code zu knacken, wobei die wenig polyglotten Pariser seine Unternehmung mit viel Unverständnis quittieren.

Konfuserweise ist ihm Marion nur bedingte Stütze, denn hier, weit weg von zu Hause, liest er Spuren eines Lebens, die seine in Paris groß gewordene Freundin bislang gut zu kaschieren verstand. Darüber hinaus kreuzen ständig anzügliche Exfreunde auf, mit denen sich kein Wort wechseln lässt, alte Fotos kehren aus der Versenkung zurück, die wenig Angenehmes dokumentieren, und um das alles zu vervollständigen verwickelt sich Marion in deutliche Widersprüche - bis es zum Klimax kommt, der alles enthüllt.

Viel entscheidender als der Inhalt sind die geschickt zusammengeführten Dialoge, die eine Fülle von Elan und urkomischen Witz versprühen. Wahrscheinlich konnte Julie Delpy aus einem breiten Pool an Erfahrungen schöpfen, der, wie jeder weiß, recht umfangreich werden kann. Sicher ist es aber auch diese Schlagfertigkeit von Adam Goldberg, der mit seinen Gesten und Gebärden Erinnerungen an das eigene Scheitern weckt. Denn das kollektive Moment, der Wiedererkennungseffekt des allzu Bekannten ist die entscheidende Quelle für das große Vergnügen beim Beobachten jener Eskapaden. Und natürlich überzeugt auch der letzte Monolog in brillanter Delpy-Manier, der verheißungsvoll in Aussicht stellt, dass vielleicht, hoffentlich, nach dem ewigen Suchen, nach wiederholten Reinfällen und Frustrationen, qualvollen Irrungen und Wirrungen ein Mensch übrig bleibt, der dann für immer bleibt. Samt seiner Fehler.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/2-tage-paris