Shooting Dogs

Außenansicht eines Massakers

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Wie Hotel Ruanda schildert auch Shooting Dogs / Beyond the Gates eine reale Epsiode aus dem Jahr 1994: In einem Lager belgischer UN-Truppen der UNAMIR-Mission in Kigali ist eine Schule untergebracht, an der der junge, enthusiastische Lehrer Joe (Hugh Dancy) unterrichtet. Geleitet wird die Schule von dem Priester Christopher (John Hurt), der bereits seit vielen Jahren in Afrika lebt, während Joe erst kurze Zeit in Ruanda weilt. Neben seinen Verpflichtungen an der Schule trainiert Joe außerdem die junge Ruanderin Marie (Claire-Hope Ashitey), eine viel versprechende Leichtathletin, deren Ambitionen durch den lange geplanten Ausbruch der Gewalt nach dem Tod des ruandischen Präsidenten Habyarimana jäh zunichte gemacht werden. Als die militanten Hutus das Camp belagern, weigern sich die belgischen Truppen unter Führung von Colonel Charles Delon (Dominique Horwitz), in das Geschehen vor den Toren einzugreifen, trotz nächtlicher Schüsse und den schrecklichen Berichten, die traumatisierte Flüchtlinge geben, die in dem Lager Zuflucht suchen. Das wirkliche Ausmaß des Mordens lässt sich für die Eingeschlossenen allenfalls erahnen, und so fällt es allen Seiten schwer, die richtigen Entscheidungen zu treffen, als die Hutus vor den Toren des Camps stehen und mit Macheten Einlass verlangen, um ihre Bluttaten weiterzuführen. Joe und Christopher stehen vor der schwierigsten Entscheidung ihres Lebens: Sollen sie wie die andere Europäer unter dem Schutz der UN-Truppen fliehen oder versuchen, das Grauen aufzuhalten?

Eines vorweg: Shooting Dogs / Beyond the Gates ist technisch gesehen kein schlechter Film, und Michael Caton-Jones ist ohne Zweifel ein Regisseur, der sein Handwerk versteht, auch wenn seine Filmographie mit Filmen wie Der Schakal / The Jackal, Rob Roy, Doc Hollywood und Basic Instinct 2: Neues Spiel für Catherine Tramell bislang eher für schlicht gestrickte Kinokost stand. Dass der Film trotz eines erschütternden Themas und guter Schauspieler wenig gelungen ist, liegt vor allem an der Erzählperspektive und an den Schwerpunkten, die der Film setzt. Man vermisst schmerzlich eine Fokussierung auf die Hintergründe des Mordens und auf das Leid der Tutsi, was angesichts des unermesslichen Leids in Ruanda absolut unangemessen wirkt. Es bewahrheitet sich unfreiwillig der englische Titel des Films: Die Afrikaner bleiben in Shooting Dogs / Beyond the Gates weitgehend außen vor. Im Vergleich zu Hotel Ruanda, der zudem wesentlich früher in den Kinos zu sehen war, hat Shooting Dogs / Beyond the Gates jedenfalls das Nachsehen, und es stimmt schon ein wenig bitter, dass ein solch wichtiges Thema wie der Völkermord in Ruanda und dessen Ursachen auf eine beinahe ausschließlich westliche Perspektive verkürzt wird, die sich zudem vor allem auf den Gewissenskonflikt von Joe und Christopher bezieht. Angesichts der Massenmordes vor den Toren des Lagers wirken die Gespräche über Gott und die Welt, über Verantwortung und Schuld jedenfalls genauso inhaltsleer und floskelhaft wie die Beteuerungen des belgischen Militärs, er sei an seine Befehle gebunden und wie die treuherzigen Lippenbekenntnisse westlicher Politiker, die dem Abschlachten tatenlos zusahen.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/shooting-dogs