Lady Chatterley

Conny bekommt, was sie will

Eine Filmkritik von Jörg Landmann

Constance Chatterley wächst in einer Zeit auf, in der die kulturelle Freiheit des gehobenen Bürgertums, das nicht an Standesetiketten gebunden ist, fast grenzenlos scheint. In den Metropolen geben sich Realismus, Symbolismus und Jugendstil die Klinke in die Hand, der Salonsozialismus erblüht und die Jugend Europas tauscht Kunsteindrücke und Körperflüssigkeiten aus. Doch der Krieg ruft alle zurück auf ihren Platz. Conny heiratet ihren Jugendfreund Clifford Chatterley im Fronturlaub 1917. Ein halbes Jahr später kehrt Clifford für immer an den Rollstuhl gefesselt nach England zurück. Das Paar lebt den Umständen entsprechend glücklich auf dem Familiensitz der Chatterleys. Neben ihrem geistigen Leben mit Clifford sehnt sich Conny nach einem sinnlichen und beginnt eine Affäre mit dem Jagdaufseher des Anwesens Parkin. Als Conny ein Kind möchte muss Clifford akzeptieren, dass sie sich einen Liebhaber nimmt und Conny, das sie neben allen Freiheiten auch Verantwortung für ihren Liebhaber trägt.
Nach dem der Roman von D.H. Lawrence in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufgrund seiner Nüchternheit und Aufrichtigkeit einen legendären Ruf bekam, verkam die Figur der Lady Chatterley in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einer anrüchigen Marke des Erotikkinos.

Dank einer hoch sensiblen, epischen Verfilmung durch die Französin Pascale Ferran bekommt die Patchworkfamilie Lady Chatterleys eine neue Chance. Ein ruhiger, ganz in seinen Bildern schwelgender Film, der mit einem mächtigen und reinigenden Frühjahrsgewitter bei der Verleihung der Französischen Filmpreise mit insgesamt fünf Cesars u. a. Bester Film, Beste Hauptdarstellerin, Beste Kamera auf sich aufmerksam machte. Auch bei der Berlinale ergriff und überraschte der Film damit, wie viel Aktuelles im Alten zu entdecken ist.

D.H. Lawrence Roman beginnt mit der Feststellung, dass unser Zeitalter dem Wesen nach tragisch sei und es deshalb keinen Sinn mache über das Tragische nachzudenken. "Wir müssen Leben und Leben heißt Lernen" sind seine programmatischen Sätze. Lady Chatterley ist eine Frau, die genau hinschaut und lernt, was sie braucht und wie sie es bekommt. Der Film von Pascale Ferran schaut ihr dabei sehr aufmerksam zu. Dadurch schenkt er seinen Zuschauern eine Lady Chatterley, deren klassische Modernität erst heute beim Zuschauer ankommt.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer-streaming/lady-chatterley