Sicko

Krankes System

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Michael Moore ist zurück – und wie! In seinem neuen Film feuert das "Enfant terrible" des Agit-Prop, Verzeihung, natürlich des politisch engagierten Dokumentarfilms eine Breitseite gegen das Establishment und die Vertreter der allmächtigen Lobbys – und trifft den Nagel auf den Kopf. In Sicko geht es, wie der Titel bereits andeutet, vor allem um das amerikanische Gesundheitssystem, das seinen Namen vor allem deshalb verdient, weil es sich ein Großteil der Amerikaner schlichtweg nicht leisten kann, krank zu werden. Ein Thema, das Moore bereits seit acht Jahren umtreibt. Damals im Jahre 1999 hatte Moore in seiner TV-Show The awful truth einen Beitrag über einen todkranken Amerikaner gesendet, der den beinahe aussichtslosen Kampf mit seiner Krankenversicherung um die lebensrettende Transplantation einer Bauchspeicheldrüse geführt hatte. Obwohl der Mann regelmäßig seine Beiträge bezahlt hatte, hatte sich die Versicherung unter fadenscheinigen Ausflüchten geweigert, die Kosten für die Operation zu gewähren. Erst als Moore einschritt und in seiner gewohnt polemischen Art mit einem inszenierten Scheinbegräbnis zur besten Sendezeit für den Sterbenden drohte, lenkte das Versicherungsunternehmen schließlich ein, weil andernfalls der Imageschaden zu groß geworden wäre. Und wenn man Michael Moore Glauben schenken darf, hat sich in der Zeit seit diesem Vorfall nicht wirklich viel gebessert – im Gegenteil.
Die Beispiele, die Michael Moore für das zusammengetragen hat, woran das amerikanische Gesundheitssystem krankt, sind ziemlich haarsträubend. Dabei bedurfte es fast keiner Recherchen, denn Moore nutzte einfach seine Bekanntheit und veröffentliche auf seiner gut besuchten Website www.michaelmoore.com einen Aufruf, in dem er seine Leser dazu aufforderte, ihm ihre ganz persönlichen Horrorgeschichten zuzusenden: "Wenn Sie mir erzählen wollen, was Sie alles durch Ihre Krankenversicherung erleiden mussten oder wie es ist, keine Versicherung zu haben, oder wie alle Krankenhäuser und Ärzte Sie nicht behandeln wollten (und wenn sie es taten, wie sie Sie mit ihren verrückten Honorarforderungen in die Armut trieben), (...) wenn Sie auf irgendeine Weise von diesem kranken, gierigen, madigen System geschädigt wurden und es Ihnen und geliebten Menschen große Schmerzen und Sorgen bereitet hat, lassen Sie es mich wissen." Die Reaktion war überwältigend, bereits in der ersten Woche waren es mehr als 25.000 E-Mails, die Moore erreichten. Und tatsächlich fanden einige Fälle über den Film ihren Weg in die Öffentlichkeit wie etwa der von Donna Smith, die sich aufgrund der Herzerkrankung ihres Mannes so sehr verschuldet hatte, dass sie schließlich ihr Haus verkaufen und bei ihrer Tochter in ein Zimmer einziehen musste.

Und schließlich ist da noch die Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet die Frau seines erbittertsten Gegners Jim Kenefick, der die kritische Website www.moorewatch.com betreibt, schwer an Krebs erkrankte, woraufhin es sich der Regisseur nicht nehmen ließ, seinem Feind zunächst anonym die benötigten $12.000 vorzustrecken – im Nachhinein betrachtet eine ebenso menschenfreundliche wie PR-trächtige Geste. Mag man dies auch noch als "typisch Michael Moore" abtun, die Aktion, in der der Regisseur kurzerhand kranke Helden des Anschlags auf das World Trade Center am 11. September 2001 mit dem Boot nach Guantanamo Bay verfrachtet, da es nur in den Gefängnissen der USA eine gleichbleibend gute medizinische Versorgung gäbe, dient eher der Erzeugung eines wohl kalkulierten Effekts als der Sache selbst. Die Heroen finden dann tatsächlich noch medizinische Versorgung auf höchstem Niveau – allerdings nicht auf dem amerikanischen Militärstützpunkt, sondern ausgerechnet im Reich des Bösen vor der eigenen Haustür – auf Kuba.

Sicko ist ein typischer Michael Moore Film: Bissig, sarkastisch und gnadenlos subjektiv. Auch sein neuestes Werk ist nur dem äußeren Schein nach Dokumentarfilm, wieder einmal nutzt Moore das Medium viel eher dazu, das amerikanische System in all seinen Ausprägungen zu hinterfragen und der Stachel im Fleisch der großen Nation zu sein – ganz gleich ob es dabei um das Profitstreben von Unternehmen (Roger & Me), die Waffengesetze (Bowling for Columbine), den Krieg gegen den Terrorismus (Fahrenheit 9/11) oder um das amerikanische Gesundheitssystem geht wie in seinem neuen Film. Man mag die Fakten bezweifeln, mag sich an der polemischen, oft satirisch zugespitzten Darstellungsweise, an den Lobliedern auf das französische und englische Gesundheitssystem stören und an der Selbstverliebtheit des beleibten Filmemachers stoßen. Und mit Sicherheit laufen bereits die Recherchedrähte eingefleischter Moore-Gegner in den USA und anderswo heiß, um die ausgebreiteten Fakten zu widerlegen. Doch das alles ändert nichts daran, dass man Michael Moore einfach nicht mehr ignorieren kann. Dafür ist er längst zu sehr zu einer Stimme des anderen Amerika geworden, einer Stimme für all diejenigen, denen es nicht vergönnt ist, den amerikanischen Traum zu leben, eine Art Schattenpräsident. Und ganz nebenbei: Seine Filme machen immer noch einen Riesenspaß. Bei allen Unzulänglichkeiten des deutschen Krankenversicherungswesens – und derer gibt es nicht gerade wenige: In den USA krank zu werden, kann sich ein Großteil der Amerikaner schlichtweg nicht leisten; 50 Mio US-Amerikaner besitzen überhaupt keine Absicherung im Krankheitsfall – für eine der wohlhabendsten Nationen der Erde ein echtes Armutszeugnis. Ein Blick in die Nachrichten beweist, wie sehr ein radikaler Systemwechsel angeraten ist. Denn die Einführung des dringend geforderten S-CHIP-Pakets ("State Children’s Health Insurance Program") scheitert bislang am Veto von George W. Bush, der damit verhindert, dass 10 Mio. amerikanische Kinder aus einfachen Verhältnissen in den Genuss einer Krankenversicherung kommen. Und das ist neben den geschilderten Extremfällen der eigentliche Skandal – die Unfähigkeit, die Fehler des eigenen Systems zu erkennen und dies zu beseitigen. Fast könnte man meinen, die Ungerechtigkeiten und starken sozialen Verwerfungen sollten weiter manifestiert und zementiert werden. Im Vergleich hierzu herrschen in Deutschland beinahe schon paradiesisch anmutende Zustände. Und das ist dann so etwas wie die gute Nachricht dieses Films.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer-streaming/sicko