Gefahr und Begierde

Auf den Schlachtfeldern der Liebe

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Ein neuer Film von Ang Lee – spätestens nach dem überwältigenden Erfolg von Brokeback Mountain sind die Erwartungen an den aus Taiwan stammenden Regisseur enorm hoch geworden. Und es scheint so, als sei Ang Lee diesen Anforderungen mehr als gewachsen, denn auch sein neues Werk Gefahr und Begierde / Lust, Caution / Se Jie begeistert auf Anhieb und konnte mit dem Gewinn des Goldenen Löwen in Venedig bereits einen ersten international renommierten Preis in Empfang nehmen. Deutet sich hier etwa eine Wiederholung des Erfolgs von Brokeback Mountain an? Die Vorzeichen jedenfalls sind günstig.
Hongkong im Jahre 1938: Knapp ein Jahr nach dem Ausbruch des zweiten Japanisch-Chinesischen Krieges befinden sich Teile Chinas in der Hand der Japaner. Der junge Student Kuang Yu Min (Wang Leehom) gründet an der Universität eine Theatergruppe, um seinen Landsleuten moralische Unterstützung im Kampf gegen die Besatzer zukommen zu lassen. Auch die scheue, aber enorm talentierte Wang Jiazhi (Tang Wie) beteiligt sich an der Gruppe, doch bald schon genügen patriotische Theaterstücke den Widerständlern nicht mehr, es müssen Taten her, um ein Zeichen gegen die Japaner zu setzen. In dem Plan, der nun ausgeheckt wird, spielt die junge Frau eine zentrale Rolle: Sie soll sich dem Regierungsbeamten Herrn Yi (Tony Leung), der mit den Japanern kollaboriert, nähern und ihn in eine tödliche Falle locken. Zunächst verläuft auch alles nach Plan, doch dann kommt es zu einer unerwarteten Wendung, die das Vorhaben vereitelt. Zwei Jahre später wird Wang erneut auf Herrn Yi angesetzt, der mittlerweile im japanisch besetzten Shanghai zum Chef des Geheimdienstes aufgestiegen ist. Und abermals beginnt zwischen ihm und Wang das erotische Spiel um Annäherung und Abstoßung, Misstrauen und Leidenschaft, Liebe und Verrat…

Sehenswert an Ang Lees neuem Film ist vieles: Die Eleganz der Kameraführung, die Opulenz und sepiagetönte Patina seiner Bilder, die erlesene Erotik, die oftmals erregend, aber nie vulgär wirkt, die Darsteller, die Musik, einfach alles. Vor allem aber ist es ungeheuer faszinierend zu beobachten, wie der Regisseur auch in seinem neuen Film seinem Hauptthema, der Liebe, nachspürt, wie er ihr immer wieder neue Facetten abgewinnt, wie jeder seiner Filme ein ums andere Mal eine neue Variante entdeckt, von Das Hochzeitsbankett / The Wedding Banquet und Eat Drink Man Woman über Sinn und Sinnlichkeit / Sense and Sensuality und Der Eissturm / The Icestorm bis hin zu seinem letzten Film Brokeback Mountain. Was Gefahr und Begierde / Lust, Caution / Se Jie mit dem Vorgängerfilm verbindet, ist die Unmöglichkeit der Liebe, die Vehemenz, mit der sich Wang Jiazhi dagegen wehrt und wie es vor allem die gesellschaftlichen Umstände sind, die einen glücklichen Ausgang dieser Liebe unmöglich erscheinen lassen. Große Weltpolitik und die Intimität der Liebe, Lust und Verrat, Liebe und Hass, Brutalität und Zärtlichkeit – all dies fügt Ang Lee wunderschön sinnlich und distanziert zugleich zu einem gewaltigen Sittengemälde zusammen, das seinesgleichen sucht. Nicht einmal die gewaltige Länge des neuen Meisterwerks entpuppt sich als ein Manko, denn es gibt etliche Szenen, bei denen man sich wünscht, sie möchten niemals enden – genauso sollte es sein im Kino. Mit Sicherheit ist Gefahr und Begierde / Lust, Caution / Se Jie eines der Kinohighlights dieses Herbstes. Und man fragt sich schon, wohin Ang Lee eigentlich noch will – den Gipfel seines Schaffens hat er bereits längst erreicht. Und ein Ende ist nicht in Sicht.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer-streaming/gefahr-und-begierde