Ex Drummer

Belgien ist die wahre Härte

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Als es eines Tages an der Wohnungstür des gefeierten Underground-Schrifstellers Dries (Dries Vanhegen) klingelt, glaubt der Autor zunächst an eine Verwechslung, denn vor seiner Tür stehen drei der unglaublichsten Typen, die er sich selbst in seinen wildesten Fantasien niemals hätte ausdenken können. Koen (Norman Baert), der Sänger der Band, leidet unter einem Sprachfehler, der durch die dumme Angewohnheit verstärkt wird, jede Frau in seiner Umgebung grundlos zusammenzuschlagen. Auch der Bassist Jan (Gunter Lamoot) nennt einen bizarren Defekt sein Eigen, seitdem er mutmaßlicher Weise in seiner Jugend von seiner Mutter beim Onanieren erwischt wurde und diese vor Entsetzen all ihre Haare verlor, kann er seinen rechten Arm nicht mehr bewegen. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass seine Mutter ihren Gatten mit einer Zwangsjacke fesselt und mit Koen fickt. Und Ivan (Sam Louwyck), der taube Gitarrist und Dritte im Bund, ist ein drogenabhängiger Freak, der mit Frau und Kind in einem unglaublichen Saustall haust und der das Baby gerne mal mit Koks füttert, um es ruhig zu halten.
Was diese drei Männer zu Dries treibt, ist die Tatsache, dass ihnen für ihre Band noch ein Drummer fehlt – und Dries war einmal einer der besten in diesem knüppelharten Metier. Koen, Jan und Ivan meinen es durchaus ernst mit ihren musikalischen Ambitionen, sie wollen mit ihrer Band auf dem Festival von Laffinge auftreten, für Dries allerdings sind die neuen Bandkollegen eher eine willkommene Abwechslung, die Spaß in sein langweiliges Leben bringt – vor allem deshalb, weil er seine ahnungslosen Bandkollegen immer wieder gegen die Wand laufen lässt, indem er sie in beinahe aussichtslose Situationen bringt, bevor er wieder in sein heiles Luxusleben im schicken Loft zurückkehrt. Seine zynischen Experimente am lebenden Objekt nehmen schließlich einen tragischen Verlauf…

Ex Drummer basiert auf einem Roman des belgischen Schriftstellers Herman Brusselman, der in seiner Heimat als echter "Poèt maudit" gilt und dementsprechend mehr gehasst als geliebt wird. Seine Bücher galten stets als unverfilmbar – zu extrem, zu krass, zu pervers erschienen sie belgischen Literaturkritikern bislang. Wenn man um die Vorgeschichte der literarischen Vorlage und ihres Urhebers weiß, erstaunt der Mut oder die Lust an der Provokation um so mehr, dass ein junger, aufstrebender Regisseur sich für seinen ersten großen Film ausgerechnet solch ein schwieriges Terrain aussuchte, um sich der Öffentlichkeit vorzustellen.

Und tatsächlich fielen die ersten Reaktionen dementsprechend reserviert bis ablehnend aus – der Film stieß in Belgien nicht auf allzu viel Gegenliebe – als zu krass und düster empfanden viele Belgier das Bild, das Koen Mortier von seinen Landsleuten zeichnete. In der Tat wirken selbst die Unterschichten-Sozialdramen der Gebrüder Dardenne (Das Kind / L’Enfant) gegen den harschen Realismus des jungen Belgiers, der sich bei sämtlichen Filmförderanstalten vergeblich um Unterstützung bemühte, wie elegische Balladen voller Poesie und Träumerei. Mortier hingegen lässt kaum ein Tabu aus, die "Helden" seines Films sind unglaublich kaputt, pervers und widerwärtig. Und doch – und das ist das eigentlich Erstaunliche an diesem brachialen und bisweilen surrealen Film – führt Mortier seine Protagonisten niemals vor, gibt sie zu keinem Zeitpunkt der Lächerlichkeit preis, bewertet er sie und ihr Tun niemals, sondern zeigt sie einfach, wie sie nun eben mal sind. Das ist ohne Zweifel bedrückend anzuschauen und für zartbesaitete Gemüter kaum guten Gewissens zu empfehlen. Doch zugleich wirkt so viel Ehrlichkeit, Offenheit und Direktheit abseits der sattsam bekannten Erzählmuster ungeheuer erfrischend und ernüchternd und erinnert an die Seele des Punk, der in den späten Siebzigern die fett und arriviert gewordene Rockmusik von unten her erneuerte. Es tut weh, sich auf diesen Film einzulassen, doch der Schmerz ist immer auch eine heilsame Erfahrung. Und das gilt erst recht für Ex Drummer, der mit Sicherheit einer der aufrüttelndsten und verstörendsten Filme des Jahres sein dürfte. Trotzdem – oder gerade deswegen – sollte man diesen Film auf keinen Fall verpassen – sofern man ihn aushält.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer-streaming/ex-drummer