Sweeney Todd – Der teuflische Barbier aus der Fleet Street

Rasur gefällig?

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Blut spielt eine Hauptrolle in Sweeney Todd – Der teuflische Barbier aus der Fleet Street / Sweeney Todd: The Demon Barber of Fleet Street. Es fließt die Wände hinunter, bahnt seinen Weg in den Keller, dringt dort aus einem Ofen, sammelt sich in einer Rinne und färbt den Kanal. Die rote Flüssigkeit hat bei ihren Auftritten eine Doppelrolle: Sie ist real und fiktiv zugleich, echter Körpersaft und Theaterblut in einem, manchmal täuschend echt und gleich wieder eine Spur zu ketchup-mäßig.

Das Künstliche ist nicht wegzudenken aus diesem Film, in dem mehr gesungen als gesprochen wird. Sweeney Todd basiert auf dem gleichnamigen Broadway Musical von Stephen Sondheim, der auch im Film für Musik und Songtexte verantwortlich zeichnet. Durch die Wucht der filmischen Mittel macht Regisseur Tim Burton etwas Neues aus der Handlung. Aber er integriert die Stilgesetze der musikalischen Form. Der Film verbindet so das Horror-Genre mit dem süßlichen Spiel der Operette und den großen Gefühlen der Oper.

Im Grunde geht es nur um eine einzige Emotion, und zwar in gnadenloser Konsequenz: Rache. Benjamin Barker hieß der glückliche Londoner Barbier, dem es an nichts fehlte. Nicht an einer wunderschönen, feenhaften Frau, nicht an einem zuckersüßen Baby. Weil aber der wollüstige Richter Turpin ein Auge auf die naiv-tugendhafte Frau geworfen hatte, ließ er den Jungvermählten unter falscher Anschuldigung nach Australien verbannen. Der Bösewicht vergewaltigt die Frau und hält die Tochter gefangen, nicht ohne lüsterne Blicke auf das inzwischen pubertierende Mädchen zu werfen.
15 Jahre sind seit dem Unrechtsurteil vergangen. Der Barbier ist zurück in London. Er nennt sich jetzt Sweeney Todd, und das nicht ohne Grund. Aus ihm ist ein anderer Mensch geworden. Einer, dem alles Menschliche fremd ist außer dem Einen. Einer der von Kopf bis Fuß durchdrungen ist von einem einzigen Gedanken.

Es gibt mehrere farbenfrohe Rückblenden in diesem düsteren Streifen, aber nur eine Szene der Filmgegenwart, in der Sweeney Todd (Johnny Depp) seine versteinert-dämonische Miene lockert. Dann tanzt er Walzer mit seiner Vermieterin und Komplizin Nellie Lovett (Helena Bonham-Carter). Aber es ist nicht Nellies Liebe, die ihn beflügelt, sondern der dämonische Plan, den die beiden soeben ausgetüftelt haben: die Opfer in der Fleischpastetenbäckerei von Frau Lovett zu verarbeiten. So wird aus der Rache an einem sittenlosen Richter eine Mordmaschine, das Wüten gegen eine ganze Stadt.

Horror und Naschlust, düstere Unterwelten und bonbonfarbene Träume – dem Regisseur Tim Burton ist diese Kombination auf den Leib geschneidert. So wie in seiner letzten Arbeit Tim Burton's Corpse Bride - Hochzeit mit einer Leiche (2005), wo sich die Waage allerdings zur Komik neigte. Im aktuellen Film ist es genau umgekehrt: ein echter Schocker, gebrochen durch humoreske Einlagen. So entspinnt sich zwischen Todd und seinem Widersacher Richter Turpin (Alan Rickmann) ein herzallerliebstes Gesangsduett über "Pretty Women", während Turpin auf dem Todesstuhl sitzt und Todd mehrmals die Klinge zum Schnitt quer über die Kehle ansetzen will.

Dass diese Oper über die Raserei der Rache eine tiefe menschliche Wahrheit berührt – das Selbstzerstörerische grenzenloser Wut -, ist nicht zuletzt das Verdienst der Darsteller. Johnny Depps Trauermiene ist zwar nicht wirklich neu. Aber wie er hier den ohnmächtigen Zorn und das innere Zerfressenwerden in einem winzigen Zucken des Mundwinkels spüren lässt, das macht den starren Blick der verlorenen Seele ein ganzes Stück greifbarer. Im Kontrast dazu stattet Helena Bonham-Carter die mörderische Komplizin mit erfrischendem Pragmatismus aus. Nach dem Motto: Die Klage über das Unrecht dieser Welt ist ja schön und gut. Aber was machen wir jetzt mit der Leiche? Unter den Augenringen von Mrs. Lovett und ihrem bleichen Teint wuchert die lebenskluge Lust an der Liebe und dem einfachen Glück.

Nicht nur Liebe, auch Rache macht blind. Das ist das Schicksal von Mister Todd. Der Barbier sieht seit der Rückkehr nach London nur noch rot. So rot, dass er die Liebe verkennt, um derentwillen er seinen Rachefeldzug angetreten hat. Und so darf das Blut am Ende noch einmal seine Doppelrolle spielen. Als Farbe der Liebe und als Farbe des Todes.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/sweeney-todd-der-teuflische-barbier-aus-der-fleet-street