Juno

Ein launiger Abriss über das Drama, ein Teenager zu sein

Eine Filmkritik von Monika Sandmann

Jason Reitman, der talentierte Spross des großen Filmemachers Ivan Reitman, legt mit Juno einen entzückenden "Zweitling" vor. Bereits vor zwei Jahren in Thank You For Smoking bewies er großes Talent für frechen, satirischen Humor. Mit Juno demonstriert Reitman eindrucksvoll, nicht nur die Lachmuskeln, sondern die ganze Gefühlspalette in einem warmherzigen Jugenddrama bedienen zu können.
Die Basis lieferte ihm die Drehbuchautorin Diabolo Cody. Bekannt wurde sie mit ihren 2004 veröffentlichten Memoiren Candy Girl: A Year in the Life of an Unlikely Stripper. Das Drehbuch für Juno schrieb sie während ihrer regulären Jobs als Telefonsex-Vermittlerin und Schadensachverständige in Minneapolis. Ihren Arbeitspausen sei dank, denn sonst hätte das Kinojahr auf diese Charmeoffensive verzichten müssen.

"Juno" ist der Name der Hauptfigur. Sie ist 16 Jahre und ein hübscher, rotzfrecher Teenager, dargestellt von der überragenden Ellen Page. Cody gibt ihr Dialoge in den Mund, bei denen man das Gefühl hat, dass sie sich in ihrer Spritzig- und Witzigkeit zu übertrumpfen versuchen. Messerscharfe Repliken, die man einer 16-Jährigen leider nicht immer ganz glaubt. Aber da der Wortwitz bis zum Ende tough durchgehalten wird, gewöhnt man sich schnell an das allzu kecke Mädchen.

Die Schlagfertigkeit ist Junos Markenzeichen. Sie gibt sich betont cool und über den Dingen stehend, während sie neugierig das Leben ausprobiert. Beim ersten Sexversuch bleibt sogleich die Regel aus. Nach dem ersten Schock und einem hektisch abgebrochenen Versuch, die Schwangerschaft abzubrechen, entdecken Juno und ihre Freundin Leah (Olivia Thirlby) ein reizendes, adoptionswilliges Ehepaar im lokalen Discount-Anzeigen-Blättchen. Das Kind austragen hat nur einen Haken. Es bedeutet, einen dicken Bauch bekommen und sich sichtbar als "sexuell aktiv" und schwanger zu outen.

Wie soll man das den Eltern (herrlich normal und doch so anders: J.K. Simmons und Allison Janney) verklickern? Als Juno Mum und Dad um den Tisch versammelt, hoffen die Beiden noch auf "harmlose" Gründe, wie Drogensucht oder Schulverweis. Andere Umstände und die auch noch vom schüchternen, unauffälligen Bleeker (erfrischend und vor allem ein 16-Jähriger, der aussieht wie ein 16-Jähriger) verursacht, sorgen dagegen für heftige Irritation. Aber Juno hat ja schon die Lösung parat: Adoptiveltern. Erfrischend unkompliziert stellen sich Mum und Dad hinter ihre Tochter.

Zusammen mit ihrem Vater trifft sich Juno mit den Vorzeige-Adoptiveltern, Mark und Vanessa Loring. Zwei Schichten, die meilenweit voneinander entfernt sich. Hier das frische, pragmatische Arbeitermilieu, dort die schicke, steife Vorstadtidylle. Hier das pralle Leben, dort die erstarrte Traumwelt, die Vanessa unbedingt mit einem Baby in Bewegung bringen will, wenn nicht mit ihrem eigenen Kind, dann eben mit Junos.

Die Lorings eröffnen eine zweite Erzählebene. Während Juno ihre Verletzlichkeit unter einer cool-lässigen Schale verbirgt, tritt bei Vanessa und Mark der Schmerz ihrer angeknacksten Beziehung offen zu Tage. Ihre Ehe ist angezählt. Vanessas Babywunsch kollidiert mit Marks Angst vor der Verantwortung. So schnell hatte er nicht mit einem Adoptivkind gerechnet.

Junos erfrischende Art weckt Mark aus seiner Lethargie. Das gemeinsame Interesse für Musik lässt die Beiden näher rücken. Auch hier, wie schon bei Junos Eltern, verzichtet die Story auf eine mögliche spektakuläre, wenn auch abgegriffene Wendung, eine Liebesbeziehung zwischen Juno und Mark, zugunsten der Integrität der Charaktere. Ein Quäntchen Flirterei, eine kleine Andeutung von Eifersucht bei Vanessa spielen zwar mit der Idee, aber lassen sie wie ein Windhauch vorbei wehen.

Selbst Vanessa, wird in ihrem übersteigerten Kinderwunsch ernst genommen. Jennifer Garner spielt sie bravourös - in einer Mischung aus nervöser Überspanntheit, wenn sie sich zum Beispiel um Junos Gesundheit sorgt und menschlicher Wärme, wenn sie ausgelassen mit den Kindern ihrer Freundinnen herumtollt. In diesem Sinne bildet das Ende des Films einen versöhnlichen Abschluss. Die Figur Mark, gespielt von Jason Bateman, bleibt dagegen eher schwach.

Mit der Zunahme ihres Bauchumfangs reift auch Juno und erkennt, dass es im Leben nicht nur darum geht, coole Sprüche abzulassen – sondern zum Beispiel Bleeker mit 100 orange TicTac-Schachteln (Schleichwerbung in seiner schönsten Form) im häuslichen Briefkasten zu überraschen.

Reitman gliedert seinen Film analog der vier Jahreszeiten - parallel zu Junos Schwangerschaft. Nach neun Monaten und der Geburt des Babys endet auch der Film und damit ein gelungener herzerwärmender Familienspaß mit garantiertem Lachmuskeltraining.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer-streaming/juno