Das Herz ist ein dunkler Wald

Doppelleben

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Thomas (Devid Striesow) und Marie (Nina Hoss) sind glücklich verheiratet und haben zwei Kinder, Eliot und Leonie. Sie wohnen in einem spießigen Bungalow aus den Sechzigern und führen eine ganz normale Ehe – wenn man mal davon absieht, dass Thomas als Musiker einen weniger alltäglichen Job hat, der ihn viel unterwegs sein lässt. Doch das junge Glück, das der Film in kleinen Einschüben immer wieder beschwört, ist fragil, die Wurzel des Übels hat sich längst eingeschlichen – und das liegt vor allem an Thomas. Als er eines Morgens das turbulente Haus verlässt und Marie ihm seine vergessene Geige hinterher bringen will, stößt sie unvermutet auf sein Geheimnis – ihr Mann führt ein Doppelleben und hat in einem ähnlichen Haus eine zweite Familie mit seiner Kollegin Anna (Franziska Petri) und einem gemeinsamen Kind. Marie ist wie vor den Kopf gestoßen – sie lebt mit einem Bigamisten zusammen. Halb besinnungslos bricht sie in einem Wald zusammen und irrt anschließend ziellos durch die Stadt; ihre Kinder hat sie in ihrem Schmerz vollkommen vergessen, bis sie durch den Anblick einer Schulklasse wieder an ihre Pflichten erinnert wird. Abends betrinkt sie sich sinnlos, eine Aussprache mit ihrem Mann unterbleibt, da dieser sie am Telefon immer wieder vertröstet. Die Leidtragenden des Dilemmas sind – wie so häufig – die Kinder; Marie ist kaum noch in der Lage, sich um sie zu kümmern. Nach einem weiteren Tag des Wartens, Bangens und der absoluten Verzweiflung sucht sie schließlich einen abendlichen Maskenball auf, auf dem Thomas mit seinem Trio spielen wird, um in zur Rede zu stellen. Als das alles nichts nutzt, fasst sie einen überraschenden Entschluss…

Nicolette Krebitz, das spürt man ganz deutlich, wollte mit ihrer zweiten Regiearbeit nach dem verspielt jugendlich-naiven Erstling Jeans einiges anders machen und zeigen, dass sie sich auch in ernsthaften schweren, geradezu klassischen Tragödienstoffen auszudrücken weiß. Nicht von ungefähr bezeichnet sie Das Herz ist ein dunkler Wald als moderne Bearbeitung des Medea-Stoffes, den die Regisseurin sogar in einem kurzen Filmzitat explizit zeigt. Überhaupt wimmelt es in dem Film nur so vor Zitaten, neben Großmeistern wie Federico Fellini und Michelangelo Antonioni sind es vor allem die Filmemacher der Berliner Schule, die hier Pate standen. Und so sind es auch die feinen Alltagsbeobachtungen aus dem Familienleben am Anfang des Films, die zu überzeugen wissen. In der Mitte aber mit einem Maskenball, der direkt von Stanley Kubricks letztem Werk Eyes Wide Shut übernommen zu sein scheint, verliert der Film an Stringenz, zerfasert, schweift ab in Phantasien, bei denen schon mal Jesus vom Kreuz herabsteigt und ähnlichem symbolisch aufgeladenen Firlefanz. Diese stilistische Vielfalt, man kann sie auch als Wankelmütigkeit oder Unsicherheit der Regisseurin auslegen, birgt zwar interessante Ansätze, doch so richtig mag der Funke nicht überspringen, zu artifiziell und steril bleibt das Geschehen und wahre Betroffenheit stellt sich – wenn überhaupt – erst am Ende ein. Auch musikalisch geht es krude durcheinander, von Opernarien über pumpende Techno-Soundlandschaften bis hin zum mega-angesagten Pop von Whitest Boy Alive ist so ziemlich für jede Zuschauer-Zielgruppe etwas dabei.

Trotz einiger starker Szenen und einer Besetzung, die alles versammelt, was Rang und Namen hat, enttäuscht Das Herz ist ein dunkler Wald doch über weite Strecken, es bleiben vor allem der starke Beginn und der überraschende Schluss im Gedächtnis. Zu einem grundlegenden Nachdenken über die nach wie vor bestehende Rollenverteilung zwischen Mann und Frau, über die immer wieder aufschreckenden Fälle von Vernachlässigung der Kinder und anderen gesellschaftlichen Zündstoff regt dieser Film aber in seiner Künstlichkeit nicht an.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/das-herz-ist-ein-dunkler-wald