Ausgerechnet Bulgarien - Angelika Schrobsdorff und ihre Familie

Geschichte(n), die das Leben schreibt

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Christo Bakalskis Dokumentarfilm Ausgerechnet Bulgarien - Angelika Schrobsdorff und ihre Familie ist ein sehr zurückhaltender, leiser Film, bei dem allenfalls die temperamentvollen Mitglieder des Clans die Bedächtigkeit der Bilder und Szenenfolgen durchbrechen. Was zunächst auffällt ist, das Fehlen jeglichen historischen Bildmaterials, stattdessen sind es vor allem die Autorin und ihre Nichte Evelina, die ungeschminkt und unverblümt von den Wegen und Irrwegen der Familie berichten, zunächst in Berlin, dann in Sofia und in Plovdiv. So viel Raum für die Hauptakteurin hat aber auch seinen Preis: Man muss sich im Leben der immer noch jugendlich wirkenden Schriftstellerin schon gut auskennen, um sich in dem Film zurechtzufinden. Da der Film auf erklärende Off-Kommentare und andere Hilfsmittel verzichtet, fällt die Orientierung schwer, wer in welchem Verhältnis und in welcher Beziehung zu wem steht. Außerdem bleiben wichtige Stationen in Angelika Schrobsdorffs Leben unbeachtet, stattdessen verliert sich die Dokumentation an manchen Stellen in scheinbaren Nebensächlichkeiten wie den Berufswünschen eines Verwandten. Selten nur hört man das Insistieren des Regisseurs, der der Schriftstellerin und ihrer Familie allen Raum lässt, damit sie selbst ihre Geschichten erzählen können und diese nicht erzählt werden. Um den Film wirklich bis in die letzten Verästelungen zu verstehen, ist eine nochmalige Lektüre der größtenteils autobiographischen Schriften von Angelika Schrobsdorff unerlässlich. Dann erst erschließt sich ein Universum aus Zerrissenheit, Familiensinn und Erinnerungsfetzen – ein wahres Familiendrama des 20. Jahrhunderts.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/ausgerechnet-bulgarien-angelika-schrobsdorff-und-ihre-familie