Couscous mit Fisch

Die Entdeckung der Langsamkeit

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Seit Mitte der Achtziger nimmt das Cinéma Beur, das Kino der nordafrikanischen Einwanderer und ihrer Nachkommen, einen festen Platz in der Kinolandschaft Frankreichs ein. Immer wieder zeigen Filme wie Tee im Harem des Archimedes / Le Thé au harem d'Archimède (Mehdi Charef, 1985), Bye Bye (Karim Dridi, 1995), Hass / La Haine (Mathieu Kassovitz, 1995), Voltaire ist schuld / La Faute à Voltaire (Abdellatif Kechiche) oder auch Indigènes – Days of Glory (Rachid Bouchareb, 2006) die Themen von alltäglicher Diskriminierung und den Schwierigkeiten bei der Integration in die französische Gesellschaft. Mit Couscous mit Fisch / La graine et le mulet, der bei der Verleihung der Césars 2008 gleich mit vier Preisen (in den Kategorien bester Film, beste Regie, bestes Originaldrehbuch und beste Nachwuchsdarstellerin) ausgezeichnet wurde, setzt der Regisseur Abdellatif Kechiche zweifellos einen neuen Meilenstein des „Cinéma Beur“. Dabei macht es Kechiche dem Zuschauer durchaus nicht leicht, eine Vielzahl an Personen, die Dialoglastigkeit des Films und eine Spieldauer von zweieinhalb Stunden machen das Werk zu einer Geduldsprobe – allerdings zu einer, die sich lohnt.
Der Film erzählt die Geschichte des aus dem Maghreb stammenden Slimane Beiji (herausragend verkörpert von dem Laienschauspieler Habib Boufares, der für Kechiches verstorbenen Vater einsprang, für den die Rolle ursprünglich vorgesehen war), der seit vielen Jahren auf einer Werft in der südfranzösischen Stadt Sète arbeitet. Doch die Arbeit wird immer mühevoller, schließlich hat Slimane die Sechzig bereits überschritten. Auch die Werft und die Stadt haben bessere Tage gesehen, die Zeichen stehen auf Rezession, Entlassungen sind unabwendbar. Und Slimane wird einer der Arbeiter sein, die gehen müssen. Die familiäre Situation des Mannes ist nicht viel besser: Getrennt von seiner Familie lebend und doch in ständiger Sorge um sie ist Slimanes Leben ein ständiges Balancieren zwischen finanziellen Engpässen, Familienfesten und dem Leben mit seiner Freundin Latifa (Hatika Karaoui) und deren Tochter Rym (Hafsia Herzi).

Obwohl Slimane alles mit nahezu stoischer Ruhe erträgt, was um ihn herum geschieht – niemals wird der Mann laut oder ungehalten –, hegt er doch einen Traum, den er mit großer Konsequenz und gegen alle behördlichen Widerstände in die Realität umzusetzen versucht – er will ein Restaurantboot eröffnen, dessen Spezialität Couscous mit Fisch ist. Slimanes Beharrlichkeit lässt schließlich den Funken der Begeisterung auf den Rest der Familie überspringen, so dass alle an einem Strang ziehen.

Unendlich viel Zeit lässt sich Abdellatif Kechiche für seine Geschichte. Und doch wird dem Zuschauer keine Minute davon je langweilig, folgt alles einer inneren Zwangsläufigkeit und entwirft ein wahres Gemälde aus Bildern und Stimmen, selbst mannigfaltige Gerüche scheint Couscous mit Fisch / La graine et le mulet seinem Publikum in die Nase zu zaubern. Und das liegt nicht allein am Titel des Films, sondern gerade an der Beiläufigkeit und Langsamkeit des Erzählflusses und an der Aufmerksamkeit, die Kechiche seinen Protagonisten widmet.

Immer wieder verharrt die Kamera auf den Gesichtern, sucht in den sichtbaren Falten und Runzeln nach den ge- und erlebten Geschichten und Erfahrungen, nach Spuren von Leidenschaft und Emotionen, die in seiner Welt vor allem durch die unendlich starken Frauen des verzweigten Clans vermittelt werden. In diesem höchst vitalen Umfeld, in dem viel geredet und gestikuliert und noch mehr gestritten wird, ist Slimane ein Fels in der Brandung, ein Mann der Prinzipien und der Beständigkeit, jemand, der nicht viel redet, sondern still und leise seine Träume verfolgt. Kein Held im üblichen Sinne, aber ein Mann, vor dem man im Verlauf des Filmes immer mehr Respekt bekommt. Dass Slimane am Ende sein Ziel erreichen wird, daran hat man eigentlich niemals Zweifel – auch wenn der wackere Mann sich die Erfüllung seines Traums mit Sicherheit ein wenig anders vorgestellt hat.

Dass Langsamkeit, Detailreichtum und Realismus so temperamentvoll, quicklebendig und voller Feuer umgesetzt werden können, ohne dabei die Figuren und ihre Sorgen aus den Augen zu verlieren, das macht aus diesem Film wahrlich einen Meilenstein, von dem sich mancher kunstbeflissene und anämische Autorenfilmer eine dicke Scheibe abschneiden sollte.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer-streaming/couscous-mit-fisch