Die Insel der Abenteuer

Der doppelte Alex

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Auf den außergewöhnlichen Namen "Nim" hört das junge Mädchen, das auf einer tropischen Insel ein Leben führt, wie es sich wohl jedes Kind erträumt: ganz allein in einer Welt für sich, mit der Seelöwin Selkie, dem Leguan Fred und dem Pelikan Galileo als besten Freunden. Nim fehlt es an nichts, obwohl sie und ihr Vater die einzigen Menschen auf dem paradiesischen Eiland mit seinem Traumstrand sind. Die Mutter, eine Ozeanologin, starb vor ein paar Jahren im Meer.

Eines Tages ist es vorbei mit der selbst gewählten Zweisamkeit. Der Vater, ein Meeresforscher, gerät mit seinem Schiff in Seenot. Nim kennt keinen Menschen, den sie um Hilfe bitten könnte. Außer vielleicht einen gewissen Alex Rover. Der ist zwar ein Romanheld, also eigentlich eine fiktive Figur. Aber er schickt Nims Vater just in dem Moment eine E-Mail, als dieser verschollen ist und die Tochter das elektronische Postfach für ihn checkt. Was Nim nicht weiß: Die Erfinderin von Alex Rover ist die Autorin Alexandra Rover. Sie kürzt ihren Vornamen gern mal mit "Alex" ab. Und was Nim auch nicht weiß: Alexandra hat solche Angst vor der Welt außerhalb ihrer Wohnung, dass sie nicht mal den Weg bis zum Briefkasten schafft.

Die Geschichte beruht auf dem gleichnamigen Buch der australischen Kinder- und Jugendbuchautorin Wendy Orr. Das ist Kinostoff par excellence: schwebend zwischen Märchen und Realität, zwischen Magie und Wirklichkeit, angesiedelt in einer Zwischenwelt, in der Tiere den Ernst der Lage erkennen und fiktive Helden die Handlung vorantreiben. Das Ehepaar Mark Levin und Jennifer Flackett kreiert diese Zwischenwelt in seiner zweiten gemeinsamen Regiearbeit (nach Little Manhattan) mit leichter Hand und großer Selbstverständlichkeit. Dass der eigentlich fiktive Romanheld Alex Rover plötzlich leibhaftig neben seiner schreibenden Autorin steht, fügt sich fast „logisch“ ins Geschehen ein. Und ebenso natürlich ergeben sich daraus Witze und Slapstick-Einlagen, etwa wenn ein wartender Taxifahrer aus der "Realwelt" das handfeste Gezerre zwischen Alex und der platzangstgeplagten Alexandra an der Haustür nicht sehen kann. Sondern sich wundert über die bizarren Verrenkungen der sich sträubenden Frau.

Faszinierend an Die Insel der Abenteuer / Nim’s Island ist der Spannungsbogen zwischen den ganz unterschiedlichen Aufgaben, an denen Nim und Alexandra, jede für sich, wachsen müssen. Aber noch faszinierender ist, wie die Schauspieler das umsetzen. Abigail Breslin, der Kinderstar aus Little Miss Sunshine spielt Nim. Sie ist ein Stück erwachsener geworden und weniger pummelig, aber noch immer strahlt sie diesen unvergleichlichen Eigensinn aus, diesen unbeirrbaren Willen, ihr eigenes Ding durchzuziehen. Und Jodie Foster stattet Alexandra mit einer betörenden Hingabe an alle Angstgefühle dieser Welt aus, vom Horror vor Spinnen bis zum ultimativen Flugerlebnis.

Wie in jedem guten Kinderfilm haben die Helden nach all der Action und all den bestandenen Gefahren auch etwas gelernt. Nämlich, wie schön es sein kann, innere Grenzen zu überschreiten. Aber diese "Moral" wird nicht gepredigt, sondern bleibt eingebettet in eine Geschichte voller Augenzwinkern. Zwar bleibt es nicht aus, dass Romanheld Alex Rover nicht länger Alexandras "Krücke" sein will und sich aus deren realem Leben verabschiedet. Aber es war eine listige Idee, die Figur des Alex und die von Nims Vater mit demselben Schauspieler (Gerard Butler) zu besetzen. Und so darf sich Alexandra damit trösten, dass nun ein realer Mann in ihr Leben tritt, der dem fiktiven gar nicht so unähnlich ist.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/die-insel-der-abenteuer