Ben X

Zwischen Realität und Cyberspace

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Beinahe so faszinierend wie dieser Film ist auch seine Entstehungsgeschichte: Um die Hintergründe des Online-Zockers möglichst authentisch zu gestalten, wählten die Macher des Films das real existierende Online-Game "Archlord" und setzten bereits im Vorfeld eigens mehrere Zocker daran, einen möglichst hohen Score für Ben X zu erspielen, so dass sich der Avatar mühelos durch zahlreiche der Levels bewegen konnte. Außerdem gab es den wohl ersten Cyberspace-Location-Scout der Filmgeschichte, der das Spiel systematisch nach besonders filmischen Settings absuchte. Das Ergebnis all dieser Bemühungen ist mehr als nur einen Blick wert und dürfte sowohl Jugendliche als auch Erwachsene gleichermaßen faszinieren. Zugleich thematisiert Ben X ohne erhobenen Zeigefinger die Welt der Online-Gamer und zeigt absolut glaubwürdig, welche Faszination von dieser Cyberwelt ausgeht und welche Auswirkungen dies auf das Denken, Fühlen und Handeln von Jugendlichen haben kann. Trotzdem: Nic Balthazar verfällt niemals in die allseits beliebten Stereotypen über die Schädlichkeit, sondern nähert sich der Cyberwelt mit Neugier und Wohlwollen. Für seinen Protagonisten ist "Archlord" die bessere von zwei Welten, hier ist er der Held, wird nicht gemobbt und gehänselt, sondern findet Wertschätzung und sogar Freundschaft.

Im Prinzip ist Ben X ein Film über viele Themen: Er beschäftigt sich mit der Lebenswelt eines autistischen Jugendlichen, gibt unerhörte und noch nie zuvor gesehene Einblicke in die Welt der Online-Games, er zeigt Ausgrenzung, soziale Kälte, Mobbing und "Happy Slapping" (so nennt sich die Praxis, Opfer zu quälen und die Videos anschließend im Internet zu veröffentlichen, um die Schmach noch zu erhöhen), er problematisiert die Vereinsamung und Entfremdung unter Jugendlichen, die manche von ihnen in den Selbstmord treibt, und er ist zugleich eine Ode an die Freundschaft, an feste und stabile Bindungen im realen Leben, ohne die es einfach nicht geht. Das ist viel, vielleicht sogar mehr, als ein Film von eineinhalb Stunden Dauer vertragen kann, so möchte man meinen. Und mancher Filmemacher mag an einer solchen Vielzahl von höchst problematischen Themen bereits gescheitert sein – Nic Balthazar aber gelingt das Kunststück, dies alles mit Leichtigkeit, dem gebotenen Ernst und äußerst spannend unter einen Hut zu bekommen. Ein überaus sehenswerter, streckenweise brillant gemachter und sehr gut von den jungen Darstellern umgesetzter Film, der vielen Jugendlichen und Erwachsenen die Augen öffnen dürfte für die Gefahren, von denen sie umgeben sind. Und ein Wegweiser, wie sie aus diesem Labyrinth wieder hinausfinden können – seien sie nun selbst autistisch oder nicht. Denn so weit entfernt, wie es scheint, ist die Krankheit für keinen von uns. Auch das lehrt dieser Film, den man gar nicht genug loben kann.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/ben-x