Standard Operating Procedure

Die Hintergründe der Bilder von Abu Ghraib

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Minutiös und mit der Besessenheit eines Ermittlers rekonstruiert Morris die Geschichten hinter den Bildern und wartet mit Details auf, die die Vorgänge in Abu Ghraib technisch nachvollziehbar machen. Er zeigt Blickwinkel, verdeutlicht Perspektiven, aus denen fotografiert wurde und analysiert Bilderreihen und deren zeitliche Parallelität. Vor allem aber sind es die Gespräche mit den beteiligten Soldaten, die die Machtstrukturen und die Beziehungen der Täter untereinander verdeutlichen, die zeigen, welche Mikrostrukturen innerhalb von Abu Ghraib bestanden. Auf Worte des Bedauerns allerdings wartet man vergebens, immer wieder flüchten sich die Interviewten in Standardausreden, verweisen auf Befehlsketten, auf Druck von oben oder auf die erlaubten Verhörmethoden, die so genannten "Standard Operating Procedures" (kurz: S.O.P.), die eben in dem ein oder anderen Fall etwas aus dem Ruder gelaufen seien. Dies gehört wohl zu den wirklich erhellenden Momenten des Films, wenn einer der Militär-Ermittler die Bilder danach beurteilt, ob die darauf dokumentierten Misshandlungen als kriminelle Akte oder als Bestandteil der S.O.P.s zu bewerten sind. Hier zeigt sich, dass ausgerechnet eines der bekanntesten Bilder, das einen Mann mit Tüte über dem Kopf auf einem Karton stehend und mit Drähten an den Händen darstellt, militärrechtlich nicht geahndet werden kann. Denn die Drähte waren nicht stromführend. Und Angst sowie Demütigung sind nach den Gesetzen des US-Militärs legitime Mittel. Geahndet hingegen werden körperliche Misshandlungen und sexuelle Nötigung.

So intensiv die Bilder und die Geschichten auch sind, der Dokumentarfilm über ihr Entstehen hinterlässt ein merkwürdig gespaltenes Gefühl. Und das liegt vor allem an manchen Mitteln der Inszenierung, die Errol Morris wählt. Da ist zuallererst die dramatisierende Filmmusik von Danny Elfman, die dem Film zwar Drive gibt, deren Klangfarbe sich aber oft mit den Bildern reibt. Auch die nachgestellten Bilder, die immer wieder extreme Close-ups von Patronenhülsen, Ameisen oder fallenden Spielkarten mit den Bildern irakische Kriegsverbrecher zeigen (die US-Armee ließ diese Kartenspiele zur besseren Fahndung nach Saddam und seinen Helfern anfertigen), wirken merkwürdig deplaziert, sie dramatisieren und ästhetisieren einen Schrecken, der dieser filmischen Mittel nicht bedarf. Ein zweites Manko des Films besteht darin, dass nur die unmittelbar Beteiligten und die Ermittler der Militärgerichte reden, es fehlen zum einen die Stimmen der Opfer und zum anderen Äußerungen von ranghöheren Offizieren. Errol Morris' Versuche, betroffene Iraker und US-Militärs vor die Kameras zu bringen, blieben erfolglos, von den Opfern war keines zu finden und die Offiziere von Abu Ghraib waren nicht bereit, vor die Kameras zu treten.

Eines ist nach dem Film klar: Wirklich begriffen hat bis heute keiner die Taten. Und selbst bei Ermittlern, die ja einen etwas anderen Blick auf die Geschehnisse haben sollten, findet man allenfalls Bedauern über die Dummheit mancher Täter, die so blöd waren, sich erwischen zu lassen. In diesen Momenten entlarvt der Film dann doch die Geisteshaltung der gesamten US-Militäradministration, in deren Augen der eigentliche Skandal nicht in den Taten bestand, sondern darin, dass die Bilder davon an die Öffentlichkeit gelangten und für eine verheerende Niederlage im PR-Krieg sorgten.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/standard-operating-procedure