Meer is nich

Zwischen Aufbruch und Zukunftsangst - eine Jugend in Weimar

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

In seinem Debütfilm Meer is nich beschäftigt sich der aus Weimar stammende Regisseur Hagen Keller ebenfalls mit den Perspektiven von Jugendlichen. Und zwar mit jenen im Osten des Landes. Solch ein Thema schreit förmlich nach Klischees von der Tristesse ostdeutscher Plattenbausiedlungen und gescheiterten Existenzen. Und es gehört zu den vielen wohltuenden Überraschungen dieses Films, dass man diese Klischees vergeblich sucht.

Lena (Elinor Lüdde) lebt in Weimar, ist 17 Jahre alt und gerade kurz davor, ihren Schulabschluss zu machen. Doch wie es danach weitergehen soll, davon hat sie keine Ahnung. Ihre Eltern drängeln, teils aus echter Sorge, dann wieder aus persönlicher Frustration heraus wie bei Lenas Vater (Thorsten Merten), der selbst arbeitslos ist und doch nur will, dass es seine Tochter einmal besser hat. Kein Wunder also, dass es zwischen ihm und der rebellischen Lena ziemlich kracht. Doch es sind nicht nur die üblichen Streitigkeiten mit den Eltern, die die Situation prägen. Lena rebelliert auch gegen ihre Lehrer, führt den biederen Berufsberater rüde vor und versucht ihren eigenen Weg zu finden. Und der führt sie geradewegs zur Musik. Als Lena bei einem Konzert eine Schlagzeugerin sieht, ist sie Feuer und Flamme und will Musik machen. Sie überredet den Musiklehrer Sascha (Sascha Schwegeler) von der Musikhochschule, ihr Unterricht zu geben, gründet mit ihren Freundinnen eine Band und eckt mit ihrer neuen Leidenschaft natürlich wieder bei ihren Eltern an. Ihr Vater hat hinter ihrem Rücken eine Ausbildungsstelle besorgt, das Verhältnis wird immer angespannter. Bis Lena schließlich auszieht. Denn sie will es ganz genau wissen und ihren Traum leben, ohne dass ihr jemand reinredet.

Hagen Keller findet in Meer is nich die Balance zwischen ernüchternden Zukunftsperspektiven und unerschütterlichem Optimismus, einem gewaltigen Maß an Naivität und einer gleichzeitigen Härte, zwischen unbeschwerter Lebensfreude und Rebellion. Und ihm gelingt dabei ein kleines Kunststück: Fernab jeder Larmoyanz und ohne Betroffenheitsgetue und sozialer Hypersensibilität gelingt ihm ein authentisches, realistisches und trotzdem enorm positives Porträt. Dass diese Mischung im Film so glaubhaft transportiert wird, liegt vor allem an der jungen Hauptdarstellerin Elinor Lüdde und einer stimmigen Regie und einem gelungenen Drehbuch, das auch mal nur andeutet und damit dem Zuschauer Raum lässt, ohne im Ungefähren zu verharren.

In gewisser Weise erinnert Hagen Kellers Regiedebüt Meer is nich, das er nach einem eigenen Drehbuch inszenierte, an Marcus H. Rosenmüllers Beste-Trilogie (Beste Zeit, Beste Gegend und der dritte noch ausstehende Teil). Hier wie dort ist es die Schwelle zwischen der Jugend und dem Erwachsenwerden, die schwierige Zeit, in der wichtige Entscheidungen getroffen werden und in der die Protagonistinnen ihren Weg finden müssen. Es sind Zeiten des Abschieds, Zeiten des Abnabelns und naturgemäß auch die Zeiten der ersten Liebe. Keller und Rosenmüller, auch wenn sie ihre Filme ganz unterschiedlich angelegt haben, gleichen sich sehr in ihrer Herangehensweise – beide können sich auf starke Hauptdarstellerinnen verlassen, beide zeichnen ein niemals beschönigendes, aber stets von Optimismus geprägtes Bild der Situation und beide verfolgen voller Wärme und Anteilnahme den Weg ihrer Figuren.

Die Sympathien der Zuschauer dürften Hagen Keller jedenfalls in ähnlichem Maße gewiss sein wie seinem bayrischen Kollegen – zumal man ahnt, wie viel Potenzial in einer Figur wie Lena noch steckt. Und Lena, so sind wir uns am Ende des Films sicher, wird ihren Weg ebenso machen wie ihre Darstellerin Elinor Lüdde, von der hoffentlich ihn Zukunft mehr zu sehen sein wird.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/meer-is-nich