Willkommen bei den Sch`tis

Wo der „Bus“ zum „Busch“ wird

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Was ist schlimmer als gefeuert zu werden? Eine Versetzung in den Norden Frankreichs. Dort, so sagt das Sprichwort, weinen die Fremden, wenn sie ankommen. Aber gerade deswegen gibt es sehr viel zu lachen in dieser liebevoll augenzwinkernden Komödie, die in Frankreich mit mehr als 20 Millionen Zuschauern zum Kassenhit wurde.
Fremdenfeindlich im eigenen Land ist irgendwie jeder. Die Bayern lästern über die Preußen, die Hamburger verstehen in München nur Bahnhof und den Berlinern gehen die Hauptstadttouristen eh’ auf den Geist. Das ist bei uns nicht anders als in Frankreich. Aber selten werden die Klischees derart auf die Spitze getrieben, dass sie zu mehr taugen als zum billigen Schenkelklopfen im Stammtischdunst. Das ist das wunderbar Charmante an Willkommen bei den Sch'tis / Bienvenue chez les Ch'tis: Regisseur Dany Boon schraubt die gängigen Vorurteile in solche Höhen, dass das Hämische ins Liebevolle kippt und die Lachtränen den Blick verschwimmen lassen zu einer romantischen Sicht auf Boons Heimat. Das ist die Region Nord-Pas-de-Calais am Ärmelkanal und an der Grenze zu Belgien.

Dort liegt auch das 4.300-Einwohner-Städtchen Bergues, wohin es Philippe (Kad Merad) verschlägt. Der Postamtsdirektor steckt seit einigen Jahren in einer Ehekrise. Zwar liebt er seine Frau Julie (Zoé Félix) noch immer, doch die Beziehung ist auf einem Niveau angekommen, wo das nächste Wort immer das verkehrte ist. Den Weg aus der Sackgasse verspricht einzig und allein ein Ortswechsel, ein Umzug aus der Provence an die französische Riviera, eine Landschaft, wo es sich Julie und Philippe so richtig schön machen wollen. Für die Versetzung ist der Postbeamte sogar bereit, sich als Behinderten auszugeben. Zu dumm, dass er sich genau in dem Moment aus dem Rollstuhl erhebt und dem Kontroll-Inspekteur die Hand gibt, als dieser die Sache perfekt machen wollte. Die Strafe ist, wie schon erwähnt, härter als ein Rausschmiss: zwei Jahre bei den "Sch’tis". Die heißen so, weil sie jeden "S"-Laut in einen "Sch"-Laut verwandeln, um nur dasch wichtigtischte Merkmal dieschesch Dialektsch zu nennen.

Allein aus dem Sprachwitz hätte man wohl eine Komödie für sich machen können. Aber Regisseur Dany Boon, der auch als Darsteller mitspielt und ebenso wie Kad Merad in Frankreich ein beliebter Comedian ist, zieht weitere Register. Er beginnt mit der Schilderung der Hölle, als die den Südfranzosen der Norden erscheint. "Im Sommer geht es noch, da hat es null Grad", meint ein alter Weiser, der wie eine Kassandra das kommende Unheil voraussieht. Aber im Winter ...

Es folgt die Sprachhölle. Weil der Vormieter die Möbel in den "Busch" geladen hat, ist Philippes Dienstwohnung so leer wie sein Kopf, der rein gar nichts mehr versteht. Und dann gibt es noch die Hölle der Lüge, die Philippe der daheimgebliebenen Julie auftischt. Die bedauert das (inzwischen in Luft aufgelöste) Elend des Verbannten und möchte ihn gern trösten, wenn er am Wochenende nach Hause kommt. Das tut der Ehe so gut, dass Philippe ihr ihre Vorurteile lässt...

Das alles wird inszeniert wie ein Lied, dessen Strophen von Mal zu Mal an Fahrt gewinnen. Und weil die hervorragend aufgelegte Schauspielertruppe die Pointen so treffsicher setzt, merkt man kaum, wie sehr einem die Charakterköpfe aus dem Norden ans Herz wachsen – samt ihren eigenartigen Sitten und Gebräuchen. Schon wird berichtet, dass seit dem Anlaufen des Films in Frankreich die Touristenzahl in die Höhe schnellt. Und es wäre nicht verwunderlich, wenn auch mancher Deutsche demnächst mal nachschauen wollte, wo eigentlich dieser merkwürdig riechende Maroilles-Käse gemacht wird. Aber Achtung: Das eingangs zitierte Sprichwort besagt auch, dass die Fremden zweimal weinen. Das zweite Mal bei der Abfahrt.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer-streaming/willkommen-bei-den-schtis