Vicky Cristina Barcelona

Im Bett mit Maria und Juan

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Schon immer beherrschte der mittlerweile 72-Jährige die hohe Kunst, große und kleine Tragödien auf leichte Art zu erzählen. Aber mit Vicky Cristina Barcelona hat Woody Allen noch einmal einen neuen Sound gefunden: einen von der katalanischen Hauptstadt inspirierten Swing, der mit südländischer Lebensfreude ein enormes Tempo vorgibt. Die europäische Luft tut dem bekennenden "Stadtneurotiker" offenbar gut, der sich lange weigerte, woanders als in New York zu drehen. War es in den letzten Jahren London (Match Point, Scoop, Cassandra's Dream), so ist es jetzt die spanische Metropole, die ihn zu neuen Erfahrungen und komödiantischen Höhenflügen inspiriert.

Vicky (Rebecca Hall) und Cristina (Scarlett Johansson) sind Amerikanerinnen wie Woody und fliegen für einen Sommer nach Barcelona. Die durch dick und dünn gehenden Freundinnen teilen vieles. Nur eines nicht: ihre Ansichten über die Liebe. Vicky schätzt den Hafen einer geborgenen Beziehung, Cristina sucht das Außergewöhnliche, auch wenn es weh tut. Doch zunächst geht es bei dem Trip nach Barcelona nicht um das Eine. Vicky möchte an ihrer Magisterarbeit über "katalanische Identität" arbeiten. Und Cristina schätzt den Ortswechsel, weil sie sich gerade von ihrem Freund getrennt und einen Kurzfilm in den Sand gesetzt hat. Thema: Warum ist die Liebe so schwer zu definieren?

Um auf neue Gedanken zu kommen, ist erst einmal Sightseeing angesagt – nebenbei eine Liebeserklärung an die wunderbare Architektur von Barcelona. Das ändert sich, als Juan Antonio (Javier Bardem) auftaucht und die eingangs zitierte ungewöhnliche Einladung ausspricht. Es folgen Verwicklungen und Verwirrungen, die die Liebe in allen ihren Spielarten zeigen, erotisch wie emotional. Denn als vierte im Bunde kommt Maria Elena (Penélope Cruz) ins Spiel, Juan Antonios große zerstörerische Liebe, mit der er genauso wenig leben kann wie ohne sie.

Es wird bei allen witzigen Verwicklungen immer auch ein wenig philosophiert in diesem Film. Warum ist die Liebe so schwer zu definieren? Diese Frage lässt sich logischerweise nicht in einem Zwölf-Minuten-Streifen abhandeln. Also steht sie hinter den guten eineinhalb Stunden, mit denen uns Woody so vortrefflich unterhält.

Keine Angst: Dieser Film gleitet nie in ein philosophisches Proseminar ab. Er ist lebensprall genug, um genießerisch die Spielarten der Sinnlichkeit aufzublättern. Und er ist klug genug, um in jeder Sekunde zu wissen: Definieren lässt sich die Liebe sowieso nicht. Sie macht, was sie will, es gibt keine gültigen Lösungen, nur individuelle Entwürfe, die immer wieder neu auszuhandeln sind.

Bloß für einen Moment entsteht der Eindruck, als hätte Woody Allen etwas Ähnliches im Sinn wie Goethe in seinen Wahlverwandtschaften. Ist es dort eine chemische Anziehungskraft, die für die irrationale, magische Kraft der Liebe steht, so sprechen Juan Antonio und Maria Elena hier von einem "fehlenden Element" in ihrer Beziehung. Als solch wundersame Kraft entpuppt sich Cristina. Die abenteuerlustige Amerikanerin taumelt in eine Dreierbeziehung. Sie geht mit ihm, mit ihr und mit beiden ins Bett. Das erscheint einen Augenblick lang als eine Art Paradies und Ideallösung. Aber dabei bleibt es nicht.

Dass diese ganzen Wendungen so leichtfüßig daherkommen, ist nicht zuletzt das Verdienst überragender Schauspieler. Wie gewohnt läuft Scarlett Johansson bei Woody Allen zu einer Glanzleistung auf. Aber geradezu umwerfend sind Javier Bardem, Penélope Cruz und Rebecca Hall, die zum ersten Mal mit dem Regisseur gedreht haben. Wenn zum Beispiel Penélope Cruz die Fetzen fliegen lässt, dann spätestens weiß man, dass sich die Frage der Moralität in Liebesdingen nicht stellt. Das ist wild, amoralisch, schonungslos ehrlich. Und bei allen Schmerzen irgendwie schön.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/vicky-cristina-barcelona