Im Winter ein Jahr

Großes Kino der Gefühle

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Lang, lang ist’s her, seit Caroline Link mit ihrem letzten Film Nirgendwo in Afrika einen Oscar als bester nicht-englischsprachiger Film errang; man schrieb das Jahr 2001. Und seitdem war nichts von Caroline Link auf der Leinwand zu sehen. Wie bedauerlich das ist, merkt man erst jetzt, da die Regisseurin mit ihrem neuen Film Im Winter ein Jahr in die Kinos zurückkehrt. Denn wie bereits bei ihren vorherigen Filmen Jenseits der Stille und dem bereits erwähnten Nirgendwo in Afrika erweist sich auch ihr neuer Film als Meisterwerk des Familienmelodrams und jongliert geschickt mit den ganz großen Gefühlen. Was bei deutschen Filmen zwar selten gut geht, in diesem Fall jedoch abermals auf ganzer Linie überzeugt.
Seit dem Selbstmord ihres Sohnes Alexander (Cyril Sjöström) vor beinahe einem Jahr steht dessen Familie vor den Trümmern gescheiterter Beziehungen, die nur noch mühsam aufrechterhalten werden. Als Alexanders Mutter Eliane (Corinna Harfouch) an den Maler Max Holländer (Josef Bierbichler) mit der Bitte herantritt, ein Doppelporträt des Verstorbenen mit seiner Schwester Lilli (Karoline Herfurth) anzufertigen, geraten die Dinge eher unfreiwillig in Bewegung. Um mehr über den Verstorbenen zu erfahren, beginnt der Maler, sein zunächst ziemlich unwilliges Modell über ihren Bruder auszufragen. Und im Verlauf der Sitzungen zeichnet sich schnell ab, dass Lilli vom Tod ihres Bruders wesentlich mehr betroffen ist, als ihre Reaktionen das vermuten lassen. Auf der Suche nach Halt und Stabilität klammert sich die junge Tänzerin an den Künstler Aldo (Mišel Maticevic), der aber schon bald das Weite sucht. Und so werden die Sessions mit dem Maler zur einzigen Möglichkeiten, sich der Vergangenheit zu stellen – was durchaus auf Gegenseitigkeit beruht. Denn auch Max Holländer zeigt sich von der jungen Frau und ihren Verletzungen zunehmend berührt, da auch sein Leben Schmerz und persönliche Verluste kennt...

Dass Caroline Link sieben Jahre für ihren neuen Film gebraucht hat, liegt nicht allein daran, dass sie in der Zwischenzeit Mutter wurde, sondern auch an der Entstehungsgeschichte des Films, der in den USA gedreht werden sollte. Basierend auf dem damals noch unveröffentlichten Roman Aftermath von Scott Campbell (Touched) verhandelte Link mit zwei amerikanischen Produzenten, doch als es an die Besetzung ging, scheiterte das gemeinsame Projekt schließlich an den unterschiedlichen Vorstellungen, so dass die Regisseurin, die auch das Drehbuch geschrieben hatte, sich im Frühjahr 2006 dazu entschloss, den Film in Deutschland zu realisieren. Nach einigen Änderungen gegenüber der Vorlage (neben dem Transfer der Geschichte vom Milieu der Bostoner Upperclass hin zu einer wohl situierten Münchner Familie wurde beispielsweise der Altersunterschied zwischen dem Maler und seinem Modell vergrößert) fand Link in Karoline Herfurth, Hanns Zischler, Corinna Harfouch und dem famosen Josef Bierbichler sowie Mišel Matičević ihre Traumbesetzung. Wobei – ganz im Sinne des Films – selbst kraftvolle Urgewalten wie Bierbichler sich angesichts der Zartheit und leisen Intensität Karoline Herfurths merklich zurückhalten und so der Schauspielerin den Raum geben, den sie braucht.

Natürlich merkt man dem Film immer noch ein wenig seine Verbindungen in die USA an – was keineswegs nur an der Herkunft des Drehbuchs, sondern auch an Caroline Links Art der Inszenierung und Erzählhaltung liegt. Kaum jemand in der deutschen Filmszene wagt sich derart ungeniert an die ganz großen Gefühle und das Melodram heran wie sie, kaum jemand setzt so auf die Macht der Musik als Verstärker der Emotionen. So ist ein Film der Regisseurin "made in Hollywood" nun wirklich nur noch eine Frage der Zeit. Und solange können wir uns noch daran erfreuen, dass das anspruchsvolle deutsche Kino neben Eckigem und Kantigem, Beflissenem und Überflüssigem bisweilen auch die Klaviatur der Emotionen zu spielen versteht. Zumal dann, wenn Gefühle auf so sinnlich fassbare und poetische Weise auf die Leinwand gebannt werden wie in diesem Fall.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/im-winter-ein-jahr