Der Vorleser

Berlinale 2009: Wettbewerb (Außer Konkurrenz)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

13 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges irgendwo in der deutschen Provinz: Der 15-jährige Michael Berg (David Kross) verliebt sich in die um einiges ältere Straßenbahnschaffnerin Hanna Schmitz (Kate Winslet), die beiden beginnen eine leidenschaftliche Affäre miteinander, die dem Jungen nicht nur seine erste Liebe (und den ersten Sex seines Lebens) beschert, sondern auch eine überraschende Wendung. Denn Hanna liebt es, wenn Michael ihr aus seinen Büchern vorliest, so dass sich der Akzent der Beziehung immer weiter verschiebt. Aus einer Nichtigkeit heraus endet das Verhältnis abrupt, und Michael verliert Hanna aus den Augen. Bis er sie nach acht Jahren überraschend wieder sieht. Und diese erneute Begegnung mit Hanna ist ein Schock: Als Jurastudent besucht Michael mit einer Gruppe von Studenten und seinem Professor (Bruno Ganz) die Auschwitz-Prozesse – und entdeckt Hanna auf der Anklagebank. Fassungslos muss er nun miterleben, welche unglaublichen Taten die Frau begangen hat, die er einst liebte. Ein Trauma, das er erst viele Jahre später annähernd überwinden wird…

Auch wenn man sich beim Lesen des Buchs Hanna nicht so vorgestellt hatte wie Kate Winslet – wie diese die ganze Bandbreite menschlicher Emotionen zwischen Leidenschaft, Zurückweisung, Wut, Entsetzen und Trauer beherrscht und vorführt, das ist wirklich ein gelungener Auftritt und berechtigt zu einigen Hoffnungen bei der Verleihung der Academy Awards. Auch der gerade mal 18 Jahre alte David Kross (Knallhart), der locker neben gestandenen Mimen wie Matthias Habich, Burghart Klaußner und Bruno Ganz bestehen kann, zeigt eine beeindruckende Leistung, während Ralph Fiennes als älterer Michael eine echte Zumutung ist. Mit dauergequältem Blick und maximal eineinhalb Gesichtsausdrücken ist er ein echter Fremdkörper und raubt dem Film so einiges von seinem vorhandenen Potenzial. Vielleicht hat dies ja auch Stephen Daldry bemerkt und deshalb zu verschärften Mitteln gegriffen, um den Film emotional zu stabilisieren: Zu den erlesenen Bildern von Roger Deakins und Chris Menges schwelgt die Musik munter durch sämtliche Molltonleitern und gibt vor allem am Ende alles, um für erhöhten Taschentuchverbrauch in den Kinos zu sorgen.

Dabei sind die Fragen, die Schlink in seinem Buch verhandelt und die vor allem gegen Ende des Filmes thematisiert werden, spannend, nach wie vor aktuell und von universeller Bedeutung: Sie drehen sich um Schuld, Sühne und Gerechtigkeit, darum, was mit Menschen passiert, die ihr Gegenüber plötzlich mit ganz anderen Augen sehen müssen, darum, was die Liebe mit und aus uns macht und wie wichtig es ist, die Schrecken der Vergangenheit zu bannen, indem man sie nicht tabuisiert, sondern sich mit ihnen auseinander setzt. Leider aber drohen diese Fragestellungen im Rausch der Gefühle, im Glanz der Bilder und im Überschwang der Filmmusik zu Randerscheinungen zu verkommen.

So viel Melodram lag vermutlich nicht im Sinne des Erfinders: Auch wenn die Geschichte sich weitgehend werkgetreu an Schlinks Buch hält, der distanzierte und kühl berichtende Tonfall des Schriftstellers wird auf dem Altar des großen Geschichtsmelodrams geopfert, was dem Film zwar eine gewisse Massenwirkung sichern dürfte, dem Roman aber nicht wirklich gerecht wird. Schlink selbst gab sich auf der Pressekonferenz aber gelassen und gestand zwar ein, andere Bilder beim Schreiben im Kopf gehabt zu haben. Er könne trotzdem mit dem Ergebnis leben. Wenn das mal kein Lob ist…

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/der-vorleser