Effi Briest

Fontane reloaded

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Hermine Huntgeburths Verfilmung von Theodor Fontanes Gesellschaftsroman hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt. Denn das Buch ist nicht nur das Lieblingskind vieler Deutschlehrer (und dementsprechend auch das Hassobjekt so manches gequälten Schülers), sondern auch eine anspruchsvolle Vorlage, die nicht gerade auf eine Neuverfilmung gewartet hat. Was vor allem daran liegt, dass bereits vier Adaptionen für die Kinoleinwand existieren, an denen sich der Film zwangsläufig messen muss (vor allem Rainer Werner Fassbinders Fassung aus dem Jahre 1974 dürfte manchem Kinokenner noch präsent sein). Zudem gehen die Regisseurin und ihr Drehbuchautor Volker Einrauch auch das Wagnis ein, eine neue Erzählweise und ein Ende zu wählen, das sich weit von dem der literarischen Vorlage entfernt. Ein gewagtes Unternehmen, das auch nur teilweise gelingt.

Die Geschichte von Effi Briest spielt im wilhelminischen Preußen am Ende des 19. Jahrhunderts und zeichnet den Weg einer jungen Frau nach, die sich nicht mit dem engen Korsett gesellschaftlicher Konventionen abfinden will: Effi von Briest (Julia Jentsch) ist gerade 17 Jahre alt, als Geert Freiherr von Instetten (Sebastian Koch) bei ihren Eltern (Juliane Köhler und Thomas Thieme) um ihre Hand anhält. Pikantes Detail am Rande: Der wesentlich ältere Mann, der eine politische Karriere anstrebt und als gute Partie gilt, machte früher bereits Effis Mutter den Hof und kann auch heute den Blick nicht von ihr wenden. Auf Zuraten ihrer Eltern willigt Effi ein und zieht in von Innstettens herrschaftliches Haus in Kessin, das der jungen Frau aber nicht ganz geheuer ist. Es soll, so geht die Legende, der Geist eines geheimnisvollen Chinesen hier sein Unwesen treiben. Die Beziehung zu ihrem Mann sowie zu der Haushälterin Johanna (Barbara Auer) bleibt unterkühlt, die Sehnsüchte und Träume der jungen Frau unerfüllt. Das ändert sich erst, als nach der Geburt ihrer Tochter Annie ein Regimentskamerad von Innstettens, der schneidige Major von Crampas (Mišel Maticevic) in Kessin auftaucht und ein Verhältnis mit Effi beginnt.

Zwar ist die Affäre nicht von Dauer, doch als Effis Mann Jahre später – inzwischen lebt die Familie längst in Berlin - von der Verbindung erfährt, fordert er von Crampas zum Duell heraus und tötet ihn. Und nicht nur das: Ebenso wie Effis Eltern verstößt auch Geert von Innstetten Effi und trennt sie und ihr Töchterchen Annie. Doch während Effi in Fontanes Roman an der Trennung zerbricht, behauptet sie sich in Hermine Huntgeburths Filmversion gegen alle Widrigkeiten und führt in Berlin zwar nur ein bedingt glückliches, aber ein freies Leben, das ihr vorher nicht vergönnt war.

Hermine Huntgeburths neues Ende für Effi Briest mag manche Puristen zwar erschrecken, doch der Kniff ist keineswegs so weit entfernt von Fontane, wie dies auf den ersten Blick erscheinen mag. Auch dessen reales Vorbild für Effi Briest, Elisabeth Freiin von Plotho, deren Liebhaber beim letzten bekannt gewordenen Duell in Deutschland im Jahre 1886 tödlich getroffen wurde, starb nicht wie Effi in Schmach und Schande, sondern verschied erst im Jahre 1952, nachdem sie das 99. Lebensjahr erreicht hatte.

Spürbar entschlackt und deutlich emotionaler als die literarische Vorlage präsentiert sich diese Neuverfilmung von Hermine Huntgeburth (Die weiße Massai), die zumindest optisch durchaus zu überzeugen weiß und der literarischen Vorlage einige erstaunliche Bilder abtrotzt. Wenn Effi beispielsweise den geheimnisvollen Chinesen vor sich sieht und glaubt, im Dachgeschoss das Geräusch raschelnder Kleider zu vernehmen, fühlt man sich plötzlich an Wilkie Collins’ Mystery-Thriller The Woman in White oder The Moonstone erinnert – eine erstaunliche Entdeckung, die aber nur als kurze Episode dem Film eine überraschende Wendung verleiht. Dann wieder, in der Verführungsszene zwischen Major von Crampas und Effi im Strandhaus, einer Schlüsselszene des Films, glaubt man sich viel eher in einer Verfilmung von D.H. Lawrences Roman Lady Chatterley’s Lover zu befinden. Ob dies den Beifall eifriger Fontane-Verehrer finden wird, darf zumindest in Frage gestellt werden.

Sehr präsent und bisweilen überdeckend ist dabei die Filmmusik von Johan Söderqvist geraten, der einen zwar kompositorisch gelungenen, aber reichlich pathetischen Score geschaffen hat, der gut und gerne auch als eigenständige Musik für einiges an Hörvergnügen sorgen kann. Im Zusammenspiel mit den opulenten Bildern, den erlesenen Kostümen und der erstklassigen Ausstattung aber gerät der Film so an einigen Stellen zur TV-Schmonzette im feinen Zwirn klassischer Literatur. Rosamunde Pilcher, Inga Lindström oder Theodor Fontane – in der immer mehr von der Fernsehästhetik beeinflussten Literaturverwertungsmaschine Mainstream-Kino werden die Unterschiede zwischen Kitsch und Kunst, Melodram, TV-Movie und bewegtem Fotoroman immer mehr eingeebnet zu einem Einerlei der Bilder, das alles Schroffe, Kantige und Widerspenstige nivelliert und zu der One-Woman-Show von Julia Jentsch werden lässt. Ihre Präsenz und aufgeklärte Sichtweise der Dinge verdeutlicht den Konflikt zwischen Emanzipation avant la lettre und den restriktiven Konventionen der verknöcherten wilhelminischen Gesellschaft.

Die kühl-taxierende Erzählweise Fontanes verliert sich im Dickicht der großen Bilder und noch größeren Gefühle. Subtil ist hier kaum etwas, alles atmet die kalkulierte Wucht einer aufwändigen Inszenierung, die modern, frisch und neuartig sein will. Ein Unternehmen, das zwar durchaus gelingt, das zugleich aber das Spezifische der Vorlage zu sehr in den Hintergrund drängt. Ein Anlass zu einer neuerlichen Lektüre jedoch bietet der Film allemal. Und sei es nur deshalb, um die vielfältigen Neuerungen und Modernisierungen mit der wunderbaren Prosa Theodor Fontanes zu vergleichen und festzustellen, dass dieses Buch auch heute noch einiges zu erzählen hat.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/effi-briest