pereSTROIKA - umBau einer Wohnung

Das Russland-Haus

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Dabei ist "perestroika" bei Christiane Büchner nicht nur eine Metapher, sondern durchaus wörtlich zu nehmen: Es geht um eine zu Sowjetzeiten staatliche Wohnung – eine so genannte "kommunalka" – und um ihre Bewohner. Und damit auch fast zwangsläufig um die Brüche und Veränderungen in der jüngsten russischen Geschichte. Es geht um den alten, untergegangenen Sozialismus sowjetischer Prägung, um die Segnungen des Kapitalismus und darum, was das ganz konkret an einem Beispiel für die Menschen bedeutet. Schnell merkt man, dass die Begriffe, die wir zu kennen glauben, in Russland allesamt etwas Anderes bedeuten. Weil das Leben dort viel komplizierter, bürokratischer und undurchsichtiger ist, als wir uns das vorstellen können.

Die Geschichte einer Wohnung und ihrer Bewohner? Zugegeben – auf den ersten Blick klingt das nicht gerade spannend. Umso erstaunlicher ist es, was Christiane Büchner aus diesem nur vermeintlichen spröden Thema gemacht hat. Denn teilweise ist ihr Film spannender als jeder Thriller, menschlicher als so manches Melodram und analytischer als die meisten Artikel über Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Und zugleich voller Wahrheit.

Dass die Menschen in Russland – zumindest die meisten von ihnen – nicht gerade verwöhnt sind, wenn es um Wohnraum geht, davon hört und liest man immer wieder. Nicht selten teilen sich drei, vier oder mehr Parteien eine Wohnung, leben Familien in einem einzigen Zimmer und müssen Küche und Bad gemeinsam mit Wildfremden benutzen. Dabei hatten die Bewohner der gezeigten Kommunalka in St. Petersburg noch Glück: Nach dem Zusammenbruch des Sowjetreiches schenkte der Staat den damaligen Bewohnern nämlich ihre Zimmer. Nach Jahren des Zusammenlebens haben die aber nicht unbedingt immer Lust an dieser speziellen und sehr russischen Form des Zusammenlebens. Und so machen sich die Bewohner der exemplarischen Wohnung an den Verkauf ihres Wohnraums. Was aber aufgrund der manchmal recht undurchsichtigen Besitzverhältnisse (nicht alle Besitzer bewohnen zugleich auch "ihren" Raum, sonder haben untervermietet) und unterschiedlichen Ansprüche an den neuen Wohnraum sehr kompliziert ist. Um all die Ansprüche unter einen Hut zu bekommen, werden die beiden Maklerinnen Natascha und Rimma eingeschaltet, um die vertrackte Situation zu einem guten Abschluss zu bringen. Es beginnt eine nervenaufreibende Zeit voller Mauscheleien, Manipulationen, Intrigen und energischem Feilschen, von verwirrenden Arrangements mit ganzen Myriaden von Wenns und Abers, von Tauschgeschäften und wechselseitigen Bedingungen, bei denen man schnell den Überblick verliert. Und kurz vor dem Abschluss des Wohnungsverkaufs ist es ein Klacks – Verzeihung, ein Klecks, der das ganze komplexe Konstrukt beinahe noch zu Fall bringt.

Wäre nicht die heiter-melancholische Acapella-Musik, die den Film begleitet – die Zustände in Russland, die düsteren Gänge durch die heruntergekommene Bruchbude und die verschiedenen Winkelzüge der Beteiligten an diesem "Umbau" würden einem in ihrer alltäglichen Absurdität den Atem rauben. Und auch wenn am Ende alles gut ausgeht, zweifelt niemand daran, dass das Russland-Haus noch auf lange Zeit eine Baustelle bleiben wird, deren Zukunft keineswegs feststeht.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/perestroika-umbau-einer-wohnung