Reich mir Deine Hand

Als Zwillingspaar auf der Suche nach sich selbst

Eine Filmkritik von Silvy Pommerenke

Dem Spielfilm ist eine Anime-Sequenz vorangestellt, die die wesentlichen Punkte der folgenden achtzig Minuten vorwegnimmt: Wie zwei konkurrierende Hundewelpen tollen und raufen die beiden Brüder miteinander und laufen voreinander weg, um dann doch wieder den Weg zu dem innig geliebten Bruder zu suchen. Wie fühlt es sich an, einen Zwillingsbruder zu haben? Kann sich überhaupt ein eigenständiges Leben entwickeln, oder wird der eine immer im Bannkreis des anderen leben? Der Film versucht Antworten auf diese Fragen zu geben und zeigt, dass es für Antoine (Alexandre Carril) und Quentin (Victor Carril) sehr schwierig ist. Denn so sehr sie sich auch äußerlich gleichen wie ein Ei dem anderen, so unterschiedlich sind sie von ihren Charakteren. Antoine, der Extrovertierte der beiden, sucht immerzu die Gesellschaft anderer Menschen und spielt fröhlich die Maultrommel, während sein introvertierter Bruder Quentin lieber für sich allein ist und versucht, seine Eindrücke durch das Zeichnen von Mangas aufzuarbeiten. Dennoch können die beiden nicht voneinander lassen, wobei der Film von Pascal-Alex Vincent mit vielen symbolträchtigen Bildern arbeitet und fast ohne Dialoge auskommt.

Die symbiotische Verbindung der beiden jungen Männer wird beispielsweise dadurch dargestellt, dass sie als blinde Passagiere auf einem LKW mitfahren. Sie haben es sich in einem riesigen Abwasserrohr auf der Ladefläche bequem gemacht, und die Kamera fängt das aneinandergeschmiegte Brüderpaar ein, wie es per Tunnelblick in die vorbeiziehende Landschaft schaut. Hierdurch werden Assoziationen der Geborgenheit einer sehr intensiven zwischenmenschlichen Beziehung evoziert, die zugleich auch den Ausschluss der äußeren Welt bedeutet. Auch als eine Art Geburtskanal kann diese Szene interpretiert werden, denn die Zwillinge werden am Beginn ihrer Volljährigkeit quasi ein zweites Mal geboren. Es ist ein beschwerlicher Weg, den die beiden zu gehen haben, im sprichwörtlichen Sinn, denn da sie nur über wenig Bargeld verfügen, müssen sie wandern, trampen oder ein günstiges Zugticket erwerben, um nach Spanien zu gelangen. Dabei begegnen sie immer wieder anderen Menschen, mit denen sie flüchtige sexuelle Abenteuer eingehen. Während sie sich die erste Frau, Clementine (Anaïs Demoustier), noch teilen, entfernen sich die Brüder im Laufe ihrer Reise immer mehr voneinander, auch dadurch, dass sie sich unterschiedlichen Frauen hingeben. Bis es schließlich zum unvermeidlichen Bruch kommt, als Quentin eine sinnlich-romantische Begegnung mit einem anderen Mann hat. Antoine verzeiht ihm diese Intimität nicht und ist zutiefst verletzt, da die Nähe zwischen seinem Bruder und Hakim (Samir Harrag) der Nähe zwischen ihm und Quentin ähnelt. Als Antoine aus seiner Eifersucht heraus einem Freier für hundert Euro seinen ahnungslosen Bruder verspricht, flieht Quentin und lässt ihn völlig verstört zurück.

Die Rivalität der Zwillingsbrüder Antoine und Quentin ist dauerhaft präsent im Film, und es ist ein zäher Kampf, den sie miteinander austragen. Dabei wird dieses Roadmovie vor allem durch seine intimen Bilder und Naheinstellungen erzählt, die ihre eigene Sprache sprechen. Es ist in der Tat erstaunlich, dass Reich mir Deine Hand mit nur wenigen Worten auskommt, und man muss sich zwangsläufig als Zuschauer auf diese stillen und intensiven Bilder einlassen, um dem Entwicklungsprozess der beiden 18-Jährigen zu folgen. Wer dies nicht macht, wird viele psychologische Details aus dem Auge verlieren, die der Film in zurückhaltender Art vermittelt. Aber genau dadurch wirkt er authentisch, nachvollziehbar und ausdrucksstark, während mehr Dialoge den Zauber dieses Filmes zerstört hätten. Warum aber der Auftritt von Katrin Saß - die zur Zeit auch als gehässige und rassistische Schwiegermutter in Oskar Roehlers Lulu & Jimmi zu sehen ist – so groß angekündigt wurde, ist unverständlich, denn lediglich einige Minuten sind der deutschen Schauspielerin im Film von Pascal-Alex Vincent zugedacht, in der sie nicht wirklich zum Selbstfindungsprozess von Antoine und erst recht nicht zu dem von Quentin beiträgt. Stilles und leises Kino, das von der Ästhetik seiner beiden Protagonisten, der beeindruckenden poetischen Bildersprache und der sphärischen Musik von Tarwater lebt.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/reich-mir-deine-hand