Deutschland 09

Deutschlandreise im Omnibus

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Solch ein Projekt ist immer auch ein Wagnis: Reicht die Grundidee aus, um den Film zusammenzuhalten? Zumal die Vorgaben denkbar gering waren. Es stand den Regisseuren frei, einen Kurzspielfilm, einen Experimentalfilm oder ein dokumentarisches Werk abzuliefern. Einzige Bedingung war die thematische Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen und politischen Situation in Deutschland.

Und so fallen die Beiträge auch sehr unterschiedlich aus, sowohl von der gewählten Form, der Ästhetik und dem Inhalt wie auch von der Qualität und Zugänglichkeit der einzelnen Filme. Den Anfang macht Angela Schanelec mit einer mehr oder minder assoziativen Aneinanderreihung von Tableaus, die Stadtansichten, Landschaftsaufnahmen, kaum belebte Interieurs und ein abschließendes Zitat von Rolf Dieter Brinkmann miteinander kombinieren. Die Idee dahinter bleibt allerdings ein wenig im Dunkeln. Ganz anders der Beitrag Joshua von Dani Levy, bei dem der Regisseur einen Psychiater aufsucht, um seinen "typisch deutschen" Pessimismus kurieren zu lassen. Der Arzt weiß Rat und verschreibt Levy ein Medikament, das aber seltsame Nebenwirkungen zeitigt – eine schräge und sehr bissige Satire. Sehr gelungen auch der Kurzfilm Fraktur von Hans Steinbichler, bei dem Josef Bierbichler den grantelnden Speditionsunternehmer Riesch Beintl spielt, der ob des neuen Layouts der FAZ derart in Rage gerät, dass er erst ein Feuer vor dem Verlagshaus initiiert und anschließend die Chefredaktion meuchelt. Ebenfalls sehr sehenswert ist Romuald Karmakars Ramses über einen aus dem Iran stammenden Besitzer einer Animierbar alten Schlages im Westen Berlins, der aus seinem Leben, vom Verfall der Sexindustrie, vom Heimweh nach dem Iran erzählt und der zum Schluss Deutschland für die Gastfreundschaft dankt. Nachdenklich und wunderschön ist der Beitrag von Dominik Graf / Martin Gressmann geraten, die die Stadtplanung und Architektur aufs Korn nehmen und das Verschwinden all jener Brachen und nicht repräsentativen Gebäude in Deutschland beklagen, die so etwas wie das Gedächtnis des Landes sind. Explizit politisch sind vor allem die Filme von Hans Weingartner (über den realen Fall eines Berliner Hochschuldozenten der ins Visier von BKA und Verfassungsschutz geriet), Fatih Akin (über den Fall Murat Kurnaz) und Wolfgang Becker (der leider misslungene Versuch einer Satire auf Deutschland als Patienten, zu dessen Genesung keiner der Ärzte ein Patentrezept hat). Sylke Enders schildert die zufällige Begegnung dreier Menschen in einer Suppenküche, Nicolette Krebitz lässt Susan Sontag, Ulrike Meinhoff und die 16-jährige Nachwuchsregisseurin Helene Hegemann aufeinander treffen, Isabelle Stever zeigt in ihrem Film, wie Demokratie ganz konkret in einer Schulklasse aussehen kann und Tom Tykwer illustriert anhand eines gehetzten Geschäftsreisenden, wie schwer es ist, im globalisierten Einerlei der Marken und Ladenketten überhaupt so etwas wie Identität ausbilden zu können. Für Christoph Hochhäusler schließlich, dessen Filme deutlich an Chris Markers La Jetée angelehnt ist, ist Deutschland nur noch so etwas wie eine ferne Erinnerung, eine Sehnsucht, die wir spüren werden, wenn wir schon längst nicht mehr auf dieser Erde, sondern auf anderen Planeten leben.

Auch wenn der Film nicht in jeder Episode funktioniert, wenn nicht alles den Geschmack des Publikums treffen dürfte – er ist ein selbstbewusstes Statement einer Generation, die einerseits die Filmemacher, die einst Deutschland im Herbst drehten, schätzt, andererseits aber auch genau weiß, die sie einen ganz anderen Zugang zu der Auseinandersetzung mit der eigenen Heimat finden muss und finden will. Und vielleicht ist es eben mit Deutschland genauso wie mit diesem Film: Manches mag man eben und anderes nicht.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/deutschland-09