Long Island Blues

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Auch im idyllisch wirkenden Long Island greift allmählich die Panik vor der so genannten Lyme-Borreliose um sich, und so wird der 15jährige Scott Bartlett (Rory Culkin) von seinen Eltern Brenda (Jill Hennessy) und Mickey (Alec Baldwin) stets ernergisch ermahnt, sich unbedingt zuverlässig vor Zecken zu schützen. Vor den Angriffen seiner Mitschüler allerdings ist Scott meist nicht so gut gewappnet, es sei denn, sein großer Bruder Jimmy (Kieran Culkin) rettet ihn aus der Bredouille, wenn er gerade einmal Urlaub von seiner Truppe auf den Falkland Islands hat. Doch es wird nicht mehr lange dauern, bis Scott sich nachhaltig verändert und bald auch in der Schule mehr als wehrhaft wird.

Seit frühen Kindheitszeiten empfindet er eine starke Zuneigung für Adrianna Bragg (Emma Roberts) aus der Nachbarschaft, die Scotts anwachsend verliebte Gefühle allerdings offenbar nicht teilt, sondern eher für "reifere" Jungs schwärmt. Seit ihr Vater Charlie (Timothy Hutton) mit Borreliose infiziert wurde, treibt er sich weniger bei der Jobsuche als vielmehr heimlich im Wald mit seinem Gewehr herum, und zu allem Elend hat seine Frau Melissa (Cynthia Nixon) auch noch eine Affäre mit Scotts Vater Mickey begonnen, der es mit Immobiliengeschäften zu einigem Wohlstand gebracht hat. Als Scott von der Affäre seines Vaters erfährt, ist er außer sich vor Enttäuschung, und auch seine Mutter beendet allmählich ihre Duldsamkeit Mickeys Eskapaden gegenüber. Es kommt dramatische Bewegung in die vielfältigen Beziehungen der einzelnen Mitglieder der beiden Familien untereinander, was zwar für Adrianna und Scott schließlich doch zu einer innigen Annäherung führt, letztlich aber in eine unerwartete, schreckliche Katastrophe mündet ...

Schleichende Zeichen des Niedergangs und Zerfalls deuten sich hier im Zuge der Ausbreitung einer noch wenig erforschten Krankheit an, die zusammen mit der familiären und gesellschaftlichen Desillusionierung Einzug in die vermeintliche Harmonie eines privilegierten Lebensraums halten. Das Unbehagen, das temporär immer wieder durch gelungene zwischenmenschliche Begegnungen unterschiedlichster Art, die es durchaus gibt, gemildert wird, schlägt am Ende mit vehementer Kraft durch, so dass Long Island Blues einen eindringlichen Vertreter der Tradition pessimistischer US-amerikanischer Familiendramen mit einer speziellen historischen Verortung darstellt, die er mit seiner soliden Inszenierung, seinem Ensemble aus durchweg ambivalent auftretenden Akteuren und seinem schonungslosen Scharfblick ansprechend repräsentiert.

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