Wo die wilden Kerle wohnen

Ein Land der wilden Fantasien

Eine Filmkritik von Tomasz Kurianowicz

Dahinter verbirgt sich die Frage nach dem Sinn, nach Halt in einer chaotischen und undurchsichtigen Welt. Aber auch eine tiefenpsychologische Motivik lässt sich herauslesen, die den ganzen Film bis zum Schluss hin begleitet: Den Freud’schen Begriffen der Verdichtung und Verschiebung folgend, verarbeitet Max in einem imaginierten Mikrokosmos, den er sich selbst zurechtgelegt hat, die Enttäuschungen, die er in seinem Elternhaus erlebt. Seine pubertierende Schwester (Pepita Emmerichs) ist mit Gleichaltrigen beschäftigt, die geschiedene Mutter (Catherine Keener) verbringt ihre Zeit mit neuen Liebhabern, und der Erdkundelehrer (Steve Mouzakis) prophezeit in dreistester Lakonik, dass irgendwann, ja irgendwann die Welt aufhören wird zu existieren. Max kann und will nicht anders, als die unsagbaren Frustrationen mit Gewalt, Stursinn und Eskapismus zu beantworten: Eines Abends beginnt er zu laufen, so schnell und wahnhaft, bis er zu einem Segelboot gelangt, das ihn über die Weltmeere bringt und zur Fabelinsel navigiert. Das ist der Bruch zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Doch auch dort herrscht, trotz der Spielsucht der Inseltiere, der Liebe zum draufgängerischen Toben, ebenfalls ein undurchsichtiges Netz aus fragilen Beziehungsstrukturen. Einige fühlen sich von Max, dem neuen Herrscher, nicht ernst genommen, weniger geliebt, weniger wertvoll. Andere wollen ihm nicht glauben, dass er über die Macht und Intelligenz verfügt, die er vorzugeben scheint. Und so muss Max die gleichen Erfahrungen machen, die seine Realität schwierig und zugleich lebenswert machen: Enttäuschung, Entrüstung, Verständnis und Geborgenheit. Zugespitzt zeigt sich diese Komplexität in einer tabula-rasa-Allegorie: das großschnäuzige Tier zeigt dem neuen König sein Reich, so auch den ungeliebtesten aller Plätze: eine kahle Wüste, die nur aus riesigen Sandbergen bestehet. Ein Platz, der die Leere versinnbildlicht, die erst durch Menschenverstand mit Inhalt gefüllt werden muss.

Spike Jonze ist im wortwörtlichen Sinne ein phantastischer Film gelungen, der sich auf die Erfahrungen eines Kindes einlässt, um kompromisslos die Innenansichten eines noch um Weltverständnis ringenden Menschen zu zeigen. Die Kamerabewegungen sind schnell, zumeist wackelig und hochdynamisch; die Dialoge in eine Sprachumgebung getaucht, die permanent an eigene Kindheitstage erinnert. Und doch beschäftigt sich der Film mit universalen Themen, mit Menschheitsparadoxien, deren Ausmaße einen regulären Kinderfilm sprengen würden. Es verbietet sich geradezu, von einem Film ausschließlich für Kinder oder Jugendliche zu sprechen. Dafür sind die Beziehungen, die Verweise, ja der philosophische Gehalt zu tiefgründig, zu doppeldeutig, um allein auf eine unterhaltende, erbauende oder eine aufs Kreative abzielende Lesart beschränkt zu werden. Die Bilder, die von grandiosen, stimmungsvollen Kompositionen von Karen O und Carter Burwell begleitet werden, beschwören eine Fiktionswelt herauf, die in ihrer unbestimmten Regelhaftigkeit kluge und auch jenseits des Kinos relevante Rätsel aufgibt, die viel zu selten das Bewusstsein erreichen. So muss man dem Regisseur Spike Jones und dem ungemein talentierten Autor Dave Eggers nur danken, der mit dem Regisseur das aus wenigen Sätzen bestehende Kinderbuch von Maurice Sendak auf Spielfilmlänge ausgebreitet und zu einem dichten Drehbuch ausgearbeitet hat – danken für ein zärtliches, hochpoetisches Werk, das lange und tiefsinnig im Gedächtnis verharrt.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/wo-die-wilden-kerle-wohnen