Schattenwelt

Schuld und Sühne

Eine Filmkritik von Silvy Pommerenke

Während die Journalisten sensationslüstern der vermeintlichen Entlassung des ehemaligen Top-Terroristen Volker Widmer (Ulrich Noethen) entgegenharren, verlässt er unerkannt mit Hilfe seiner Anwältin Ellen Weber (Tatja Seibt) den Knast. Angezogen mit der selben Kleidung, die er vor 22 Jahren bei seiner Verhaftung trug, sticht er nicht nur optisch aus seiner neuen und gleichzeitig fremden Umwelt hervor, sondern die langen Jahre in Haft tragen auch andere Spuren mit sich. Widmer ist zu einem einzelgängerischen und unbequemen Zeitgenossen geworden, der er vermutlich in der Vergangenheit auch schon war. Gefühle, Achtung und Respekt sind nicht die Attribute, die dem Mann ins Gesicht geschrieben stehen. Er überzeugt durch Härte, Verschlossenheit und der Suche nach Anonymität. Von daher verhält er sich auch mehr als distanziert gegenüber seiner neuen Nachbarin Valerie (Franziska Petri), die alles versucht, um dem spröden und latent aggressiven Einsiedler näher zu kommen. Was er nicht weiß ist, dass Valerie eine ungesühnte Rechnung mit ihm offen hat. Sie vermutet, dass er der Mörder ihres Vaters ist, der seinerzeit als Gärtner im Hause des Bankpräsidenten Seichfeld arbeitete. Bei der damals missglückten Entführung kam auch Seichfeld durch die RAF ums Leben.

Nachdem Valerie Widmer mit ihrer Verdächtigung konfrontiert, beginnt ein zäher Kampf um die Wahrheit. Aber nicht nur die beiden sind in diesen Kampf involviert, sondern auch die Menschen ihrer unmittelbaren Umgebung. So Samy (Christoph Bach), der Sohn von Widmer und seiner damaligen Lebens- und Kampfgefährtin Marita (Eva Mattes), der mittlerweile zu einem angesehenen Architekten avanciert ist. Aber was nutzt ihm sein Ruhm und sein liebevoller Partner Talat (Mehdi Nebbou), wenn er nur in einer Villa leben kann, die wie ein Hochsicherheitsgefängnis abgeriegelt ist? Ihn verfolgen die Geister seiner Vergangenheit ebenso, wie den kleinen Sohn von Valerie, der von seiner Mutter vernachlässigt oder verprügelt wird. Sämtliche Leben sind mit einem unsichtbaren Strang verbunden, der nach mehr als zwanzig Jahren immer noch nachwirkt. Ein Entrinnen scheint es nicht zu geben, ein Verzeihen erst recht nicht. Die Zahl der unbeabsichtigten Opfer wird erneut steigen, und das Fazit des Filmes ist erschütternd: Aus Opfern werden Täter.

Connie Walters Schattenwelt bietet eigentlich eine gute Story, die sich bezüglich der RAF-Thematik weniger mit der Täter- sondern mehr mit der Opferperspektive auseinandersetzen möchte, im Gegensatz zu Uli Edels Der Baader Meinhof Komplex. Dabei hinkt der Film allerdings seinen großen Ansprüchen hinterher, denn er wirkt in vielen Situationen extrem gewollt, und kann auch nicht durch die schauspielerischen Leistungen von Ulrich Noethen und Franziska Petri gerettet werden. Zu sehr ist der Fokus auf den ehemaligen RAF-Terroristen gelegt, der keinerlei Reue zeigt, auch nicht gegenüber seinem Sohn. Die Wahrheit wird er nicht preisgeben – vielleicht hat er sie im Laufe der langen Jahre im Knast auch einfach vergessen. Die Figur der Valerie ist ebenfalls unnahbar, und in ihrem Hass – der sich auch gegen ihren eigenen Sohn richtet – verhält sie sich nicht anders als der Täter. Vielleicht ist es aber genau das, was der Film zeigen will: Dass die Grenze zwischen Opfern und Tätern fließend sein kann. Dennoch kann der Film in seiner Ganzheit nicht überzeugen, wirkt vielfach extrem langatmig und äußerst bemüht, so im Falle des vermeintlich typischen RAF-Sprachgebrauchs. Schattenwelt beruht auf einer fiktionalen Geschichte, weder Widmer noch Valerie hat es gegeben. Aber auch fiktionale Geschichten sollten so glaubwürdig geschildert werden, dass man als Zuschauer das Gefühl hat, einer realen Geschichte zu folgen. All das bietet Schattenwelt nicht. Auch, dass der Film in einem undurchsichtigen Schwarz-Weiß gehalten ist, lässt den Plot nicht glaubwürdiger erscheinen, und die langen neun Jahre, die der Film an Vorbereitungszeit verschlungen hat, sind ihm unschwer anzumerken. Es liegt eine bleierne Behäbigkeit über dem Ganzen, die die im Vorfeld ausgetragene Diskussion um die Mitwirkung des ehemaligen RAF-Mitglieds Peter-Jürgen Boock am Drehbuch fast vergessen lässt. Was bleibt, ist eine gute Idee, die leider in den Kinderschuhen stecken bleibt.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/schattenwelt