Klang der Seele

Genies unter sich

Eine Filmkritik von Joachim Kurz, Redaktionsleitung www.kino-zeit.de

Ein klein wenig erinnert der Film von seinem Konzept her an Andres Veiels Die Spielwütigen, auch wenn es hier nicht um Schauspielerei, sondern um Musik geht und die Protagonisten ein wenig jünger sind. Doch trotz ihres jugendlichen Alters haben es Bina, Michelle, Roman und Jakob bereits weit gebracht. Und gerade deswegen erstaunt Cord Meijerings Aussage umso mehr, der seinen Anspruch mit erstaunlich deutlichen Worten formuliert: "Die Jugendlichen sollen nicht unbedingt Komponisten werden, sondern in dieser Gesellschaft einen kulturellen Anspruch formulieren; sie sollen etwas anderes im Kopf haben, als jemanden tot zu schlagen, der anders denkt als sie." Es sind Sätze wie diese, die erstaunen und den Blick weiten für das, was in der Ausbildung der jungen Komponisten über das Feld der Musik hinausweist.

Doch natürlich geht es vor allem immer wieder um Musik – und zwar durchaus auf hohem Niveau. In Wortgefechten während der gemeinsamen Unterrichtseinheiten nimmt Meijering kein Blatt vor den Mund, putzt seinen Schützlinge auch mal herunter, wenn sie ihm mit Ideen kommen, die quasi nebenbei auf Notenpapier festgehalten wurden oder wenn ein angehender Komponist wie Roman – der vielleicht Begabteste innerhalb der Gruppe – zu sehr sein Programm herunterspult und bei seinen Schöpfungen alles Kontroverse vermeidet. Es sind Diskurse wie diese, die verdeutlichen, dass Klang der Seele auch dem Zuschauer einiges abverlangt – wer den leidenschaftlich geführten Streitgesprächen um Melodien, Themen und Tonarten folgen will, sollte sich schon gut in Musik – vor allem in der Neuen Musik – auskennen.

Leider gelingt es dem Film nicht annähernd, dieselbe Originalität in Bildern zu erzeugen, die die Schüler Cord Meijerings in ihren Kompositionen (etwa in einer Komposition Binas für Koloratursopran und Blumentopf) ausdrücken. Die Eingangssequenz, in der sich die angehenden Komponisten in Split screens gegenseitig vorstellen, wirkt ebenso bemüht und unnatürlich wie gelegentliche Aussagen, bei denen sich die Porträtierten direkt an die Kamera bzw. den Zuschauer wenden. Überhaupt enttäuscht der Film vor allem auf der Bildebene und weiß außer wenig spannenden musiktheoretischen Diskursen in den nüchternen Räumlichkeiten der Darmstädter Akademie für Tonkunst und Beobachtungen der Schüler beim Musizieren wenig abwechslungsreiche Bilder einzufangen. Dabei böten gerade die Musiksequenzen Platz für experimentellere und poetischere Bilder, die etwas vom Zauber dieser Musik optisch zu übersetzen versuchen. Nur in wenigen Szenen gelingt die Verbindung von musikalischem Höhenflug und bildlicher Annäherung an die Sphären des Klanges, so dass dieser Film vor allem all jenen Zuschauern vorbehalten bleibt, die sich sowieso für Neue Musik interessieren. Eine Breitenwirkung, wie sie etwa Musikfilme wie Rhythm Is It! in den letzten Jahren erreicht haben, dürfte Klang der Seele weitgehend verwehrt bleiben.

(Joachim Kurz)

Editorische Bemerkung: In der Zwischenzeit hat sich rund um den Film Einiges ereignet: So wurde beispielsweise bekannt, dass Roman Czura, dem in diesem Film der meiste Platz eingeräumt wird, trotz ausdrücklicher gegenteiliger Beteuerung des Regisseurs doch mit diesem verwandt ist - er ist der Sohn des Filmemachers. Wir finden es in höchstem Maße bedauerlich und befremdlich, dass man so offensichtlich den Aussagen eines Regisseurs über sein eigenes Werk nicht mehr trauen darf. Auch haben sich mittlerweile Christoph Bornheimer, Jakobine Eisenach und Cord Meijering öffentlich von dem Werk distanziert und weisen darauf hin, dass sie bereits der ursprünglichen Schnittfassung ihre Zustimmung im Jahre 2007 verweigert hätten. Über den Kinostart zwei Jahre später seien sie nicht einmal informiert worden.

Wir bedauern es sehr, diesen Film unter falschen Voraussetzungen und mit falschen Informationen versehen, bewertet zu haben.

Mannheim, den 6.8. 2009

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/klang-der-seele