Shutter Island

Die Insel der Verdammten

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Natürlich lebt die Berlinale, insbesondere in diesem Jahr zu ihrem 60. Jubiläum auch von den großen Namen, den verdienstvollen Regisseuren, deren Filme im Berlinale-Palast ihre Premieren und Welturaufführungen feiern. Zumindest in dieser Hinsicht war in den ersten Tagen einiges geboten. Nach Roman Polanskis Der Ghostwriter stand heute Martin Scorseses neues Werk Shutter Island auf dem Programm und sorgte angesichts der anwesenden Prominenz für einen gehörigen Medienauftrieb. Und es lag nicht nur daran, dass die Erwartungen an Shutter Island zumindest bei Teilen des Publikums und der Fachpresse einigermaßen hoch waren. Bei solch einer Fallhöhe ist es kein Wunder, dass sich danach viele Journalisten eher ein wenig enttäuscht zeigten vom neuen Werk des Regisseurs. Was freilich weniger an den Bildern lag als vielmehr an einer wenig inspirierten Geschichte, die wie ein Flickenteppich aus bekannten Versatzstücken aus Film und Literatur wirkt.
Leonardo DiCaprio spielt in Shutter Island den US-Marshall Edward Daniels, der gemeinsam mit seinem neuen Partner Chuck Aule (Mark Ruffalo) in den frühen 1950er Jahren das Verschwinden einer Patientin in einer Klinik für geistesgestörte Schwerstverbrecher auf der Insel Shutter Island untersuchen soll. Leider ist Daniels psychisch selbst nicht der Stabilste, seitdem er als Soldat bei der Befreiung des KZ Dachau dabei war und zudem noch seine Frau bei einem Brand verlor. Das Verschwinden der Patientin erscheint vor allem Daniels von Anfang an verdächtig und er mutmaßt, dass an der ganzen Geschichte, die ihm von dem leitenden Arzt Dr. Cawley (Ben Kingsley) erzählt wird, einiges nicht stimmt. Allerdings scheint auch mit ihm selbst etliches im Argen, denn immer wieder wird er von heftigen Migräne-Attacken, Albträumen und Erscheinungen geplagt, die Fiktion und Wirklichkeit, die obskuren Geschehnisse auf der Insel und Daniels traumatische Erfahrungen aus der Vergangenheit miteinander verschmelzen lassen. Bis schließlich die ganze Wahrheit ans Licht kommt. Und die ist nun wirklich nicht das, was sich Daniels erwartet hat...

Eigentlich ist es ziemlich schnell klar, dass an der Geschichte, die Edward Daniels im Laufe des Films verfolgt, einiges merkwürdig ist und auch er selbst ein Gefangener von Wahn und Fkition ist. Das nimmt dem Film von seiner Spannung und man würde sich beinahe wünschen, statt der tatsächlichen Auflösung hätte die Vorlage sich weiter auf den eher trashigen Seitenpfaden der verschachtelten Geschichte bewegt, zumal Scorsese und Lehane kräftig in der Fundkiste der Filmgeschichte und Krimi/Mystery-Literatur wühlen und Agatha Christies Werk ebenso plündern wie Filme wie Identität, The Sixth Sense oder andere "mindfuck movies" sowie Uralt-Grusel à la Frankenstein.

Das Problem dabei ist nur, dass man das Gefühl nicht los wird, dies alles schon einmal an anderer Stelle gesehen zu haben – vielleicht nicht immer so brillant inszeniert, dafür aber in sich stimmiger und runder. Diesen Mangel an erzählerischer Originalität, der vor allem an der literarischen Vorlage von Dennis Lehane liegen dürfte, versucht Scorsese durch den recht penetranten Score und andere Tricks aus der Klamottenkiste des Spannungskinos zu kompensieren. Mehr als pure Formelhaftigkeit und ein routiniert abgespultes Genre-Patchwork in prächtiger Verpackung kommt dabei aber nicht heraus.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/shutter-island