Albert Schweitzer - Ein Leben für Afrika

Gutmensch mit Holzhammer

Eine Filmkritik von Peter Gutting

"Bücher sind nicht genug", lautete das Credo des zweifachen Professors (für Theologie und Medizin), Organisten und Musikwissenschaftlers. Albert Schweitzer wollte nicht nur klug daherreden, sondern etwas tun. Deshalb begann er im Alter von 34 Jahren, als er schon Dozent an der Uni Straßburg war, ein Medizinstudium. Sein Ziel: Das Leid in Afrika durch persönliche ärztliche Hilfe zu lindern. 1913 gründete er im heutigen Gabun das Urwaldhospital Lambaréné. Es wurde sein Lebenswerk. Die praktische Hilfe für Leprakranke wurde ihm wichtiger als sein viel beachtetes Buch über Johann Sebastian Bach oder die vom ihm entwickelte Moralphilosophie über die "Ehrfurcht vor dem Leben".

Natürlich besteht bei einem Film über ein derartiges Universalgenie die Gefahr, sich entweder zu verzetteln oder die wichtigsten Lebensstationen einfach nur abzuhaken. Diesen Fallen entgeht der britische Regisseur Gavin Millar, indem er eine kinogerechte Episode aus Schweitzers Leben in den Mittelpunkt rückt. Sie beginnt in Jahr 1949, als Schweitzer (Jeroen Krabbé) von Afrika nach New York reist, um bei Orgelkonzerten und Vorträgen private Spendengelder für Lambaréné zu akquirieren. Aber Amerika steckt mitten in der McCarthy-Ära, fast jeder Intellektuelle wird als Kommunist verunglimpft. So auch Albert Einstein (Armin Rohde), der Schweitzer aufsucht und ihn bittet, seine moralische Autorität in den Dienst einer politischen Sache zu stellen: den Kampf gegen Atomwaffen. Schweitzer ist für die CIA im Dienste McCarthys weitaus gefährlicher, weil glaubwürdiger als Einstein. Daher schmiedet der Geheimdienst ein Komplott gegen Lambaréné , das den Urwalddoktor vor eine höchst moralische Frage stellt. Soll er sich öffentlich gegen das atomare Wettrüsten stellen und damit sein Lebenswerk in Lambaréné gefährden? Oder ist der Dienst an einzelnen Menschen wichtiger als die Rettung der Menschheit?

Leider hat Regisseur Gavin Millar die Steilvorlage der geschickt gebauten Geschichte nicht genutzt. Stattdessen verschenkt er die Anleihen beim Politthriller an eine plumpe Figurenzeichnung. Die Bösen werden von vornherein mit unmissverständlichen Attributen ausgestattet, seien es nun allzu glatte Anzüge oder allzu schmierige Gesichter. Gleichzeitig geraten die Guten zu merkwürdig kraftlosen Karikaturen. Wenn etwa die beiden Alberts (Einstein und Schweitzer) mit ihren grauen Schnauzern und wirren Haaren über den Verfall der Menschheit lamentieren, dann wird man den Verdacht nicht los, dass diese unfreiwillig komische Szene auch von einem Comedian hätte geschrieben werden können.

Da hilft es wenig, wenn Schweitzers Ehefrau Helene (Barbara Hershey) und seine Tochter Rhena (Jeanette Hain) die Versäumnisse des Vaters und Ehemanns aufs Korn nehmen. Möglicherweise gehörte Schweitzer tatsächlich zu den Menschen, die die ganze Welt lieben möchten, weil sie mit der eigentlichen Liebe Probleme haben. Aber der Film verschenkt auch diesen Nebenkonflikt, der die Titelfigur hätte komplexer machen können. Statt dessen denkt Schweitzer direkt im Anschluss an die Vorwürfe seiner Tochter darüber nach, wen denn wohl Jesus geliebt hat: die Menschheit als solche oder seine leibliche Mutter? Und das ist beileibe nicht der einzige grobe Klotz einer Produktion, die eine aufs Arthouse-Publikum zielende Geschichte (Gutmensch kontra CIA) mit den dramaturgischen und ästhetischen Mitteln einer internationalen Großproduktion erzählen möchte. Da bleibt eigentlich nur die Hoffnung, dass man an einem Fest wie Weihnachten eine solche Holzhammer-Didaktik besser übersteht als in einer weniger gefühlsduseligen Stimmung. Am 24. Dezember kommt der Film in die Kinos.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/albert-schweitzer-ein-leben-fuer-afrika