Unsere Ozeane

Die bedrohte Welt der Meere

Eine Filmkritik von Claire Horst

1,8 Millionen Arten sind dem Menschen heute bekannt, Schätzungen gehen von bis zu 15 Millionen existierender Arten aus. Das Jahr 2010 wurde von den Vereinten Nationen zum Jahr der Biodiversität ernannt, und diese gilt es zu retten. Einen Bruchteil der Lebewesen, die die Weltmeere bevölkern, zeigt Unsere Ozeane.

Anders als herkömmliche Tierfilme kommt Unsere Ozeane ohne jede Vermenschlichung aus. In diesem Film gibt es weder sanftmütige Schnecken noch wütende Wale. Und dennoch ist es ein zutiefst emotionales Werk.

Es gibt nicht nur einen Ozean, sondern mehrere, das wird spätestens nach fünf Minuten des Dokumentarfilms klar. Denn jeder Mensch und jeder an dem Film Beteiligte hat einen anderen Blick auf das Meer. Vier Jahre lang hat ein Team von Kameraleuten an fünfzig verschiedenen Orten weltweit gedreht – und die Aufnahmen sind atemberaubend. Wer das Ballett eines Möwenschwarms gesehen hat, der sich auf einen Schwarm Fische stürzt und bei der Jagd unglaublich graziös aussieht, wer das Aufeinanderprallen von zwei riesigen Krebsarmeen auf dem Meeresgrund gesehen hat, fragt sich, wozu es überhaupt Actionfilme gibt, die auf Ausgedachtem beruhen. Wer braucht schon die Helden von Futurama und Star Wars, wenn es fantastischere Wesen in der Realität gibt? Unsere Ozeane zeigt die eleganten Sprünge der Delphine ebenso wie das tollpatschige Gewatschel der Königspinguine, und dazu, und das ist vielleicht das Bemerkenswerteste, Tiere, die man wirklich noch nie gesehen hat. Grandiose Unterwasseraufnahmen mit eigens entwickelten Kameras zeigen seltsame, faszinierende Wesen. Sie gleichen fliegenden Teppichen, flatternden Geschenkbändern oder merkwürdigen Fabeltieren aus den Geschichten von Lewis Carroll. Im Kinosaal sind immer wieder erleichterte Seufzer oder überraschtes Lachen zu hören, so spannend oder absurd erscheinen manche Szenen.

Wie diese Wesen heißen, spielt überhaupt keine Rolle. Es braucht keine Erläuterung dessen, was man sieht – Schönheit erklärt sich von selbst. Der Off-Kommentar bezieht sich daher nur auf Befürchtungen: All dies wird es bald nicht mehr geben, wenn die Menschheit nicht umdenkt. Viel spannender als enzyklopädisches Wissen sind der Anblick und die Geräusche des Ozeans, Wellenrauschen, das Kratzen von Krabbelfüßen auf dem Meeresboden, Flügelschlagen, das Prusten der Seehunde und der Atem einer Schildkröte. Zur Untermalung hat Bruno Coulais, der auch den Soundtrack zu Die Kinder des Monsieur Mathieu schrieb, großartige Musik beigetragen.

Die verschiedenen Blickwinkel der einzelnen Kameraleute fügen sich zu einen großen Ganzen. Ob wir abstruse Tiere in den Tiefen des Meeres begleiten, bunte Monster mit Flossen und Glubschaugen, oder dem Liebesakt der Wale zuschauen, die Schönheit dieser Tiere ist ergreifend. Umso schockierender der Perspektivenwechsel, den der Film plötzlich einschlägt. In erschütternden Bildern wird gezeigt, welche Auswirkungen das Werk der Menschheit auf den Planeten hat. Ein grauer und verwüsteter Meeresboden, eine Robbe, die zwischen Einkaufswagen und Plastikkanistern herumirrt, tote Korallenriffs, in Fischnetzen verendete Haie – das sind die Folgen der Zivilisation. Menschen erscheinen in dem Film nur am Rande. In einem Museum betrachtet ein Großvater mit seinem Enkel ausgestorbene Tierarten. Umso grausamer wirkt das, wenn man den belebten Ozean zuvor bewundert hat.

Im Gegensatz zu einem klassischen Lehrfilm verzichtet Unsere Ozeane auf Erklärungen. Namen oder Orte werden nicht genannt. Mit einem Kameraschwenk werden wir am Ende ins All mitgenommen – wir haben nur eine Erde, bewahren wir sie, das ist die Botschaft. Den Kinosaal verlässt man einerseits begeistert von der neu entdeckten Welt, anderseits voll Trauer über die Zerstörung, die die Menschheit anrichtet.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/unsere-ozeane