Tannöd

Familientragödie auf dem Bauernhof

Eine Filmkritik von Katrin Knauth

Tannöd ist das Synonym für eine Tragödie. Rekonstruiert wird ein Blutbad auf dem in einem fiktiven Ort in Bayern gelegenen Bauernhof Mitte der 50er Jahre. Dort wurde die komplette Familie Danner mit der Spitzhacke kaltblütig ermordet: der alte Bauer Danner, seine verhärmte Frau, die Tochter Babara, ihren beiden kleinen Kinder und die Magd. Niemand im Dorf hat von der Tat etwas mitbekommen, aber wundern tut es keinen. Denn der alte Danner (Vitus Zeplichal) war ein unberechenbarer Tyrann, der nicht nur seine eigene Familie grausam unterdrückte, sondern auch gegenüber den Dorfbewohnern gehässig und boshaft war. Keiner im Dorf mochte ihn.

Die Tat ist zwei Jahre her, als die 26-jährige Kathrin (Julia Jentsch) im Dorf auftaucht, in dem auch ihre jüngst verstorbene Mutter gelebt hat. Der Täter ist immer noch nicht gefunden und Kathrins Anwesenheit bringt die Tragödie erneut zur Sprache. Die eigenbrötlerischen Dorfbewohner erzählen Kathrin ihre Version der Geschichte. Wie ein Mosaik setzt sich aus den Einzelaussagen die Tat zusammen, die in Rückblenden rekonstruiert wird und zum Tatort zurückführt. Eine chronologische Aufarbeitung gibt es nicht, weder im Roman noch im Film und so findet sich die verschachtelte Erzählweise auch auf der Leinwand wieder.

Die Geschichte, die sich auf einen realen und nicht aufgeklärten sechsfachen Mord im Jahr 1922 auf einem Einödhof im oberbayerischen Hinterkaifeck bezieht, lässt einen das Blut in den Adern gefrieren. Interessant an dem Film sind aber auch die Zustände in dem Dorf, das Milieu, die Kälte, Gleichgültigkeit und Bigotterie der Dorfbewohner. Gegenseitige Anschuldigungen und Misstrauen sorgen für eine bedrohliche Stimmung. Denn der Mörder ist einer von ihnen, einer aus den eigenen Reihen. Gezeichnet wird ein düsteres Gesellschaftsbild der Nachkriegszeit.

Mysteriöse Zustände und Morde in einem Dorf, eigensinnige Dorfbewohner – das mag dem bekannt vorkommen, der sich Das weiße Band von Michael Hanecke angesehen hat. In beiden Filmen geht es nicht primär um die Aufklärung des Mordes bzw. der Morde. Beide Filme wirken ähnlich bedrohlich und verstörend– allein schon in der Inszenierung der beklemmenden, patriarchalischen, streng religiösen Dorfatmosphäre. Doch während Haneckes Drama sich vor dem Ersten Weltkrieg abspielt und damit vor den Gräueln der Nazis, sind diese Schrecken in Tannöd längst vorbei. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Menschen Hoffnung, dass das Böse endgültig vorüber ist. Der Film zeigt, wie schnell es gehen kann, bis das Böse wieder aufkeimt und wie anfällig die Menschen dafür sind.

Mit präzisem, geradezu dokumentarischem Blick durchleuchtet Bettina Oberli das Leben im Dorf und die grausame Tat, die dahinter steckt. Mit ihrem Film ist ihr einerseits ein spannender Krimi, aber auch ein grandioses psychologisches Drama gelungen.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/tannoed