Henri 4

Ein missglücktes Mammutwerk über den Kampf der Religionen

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Im Schnelldurchlauf durchmisst der Film das Leben des jungen Herzogs von Navarra, der durch Zufälle der Erbfolge, Schlachtenglück und eine arrangierte Heirat mit der Tochter seiner Erzrivalin Katharina von Medici als erster Protestant auf Frankreichs Thron gelangte und sich mit bemerkenswerter Weitsicht und Toleranz um die Belegung des Konflikts zwischen Hugenotten und Katholiken bemühte. Doch bereits die Vermählung, die eigentlich den Frieden zwischen den beiden verfeindeten Konfessionen bringen soll, endet in einer Katastrophe: In der Bartholomäusnacht werden die anwesenden Hugenotten niedergemetzelt, Henri ist einer der wenigen Überlebenden und muss sich als Gefangener seiner Schwiegermutter zum Katholizismus bekennen. Schließlich gelingt ihm die Flucht nach Navarra, von wo aus er den Kampf um die Religionsfreiheit wieder aufnimmt. Dies ist der Auftakt zu einem Leben voller privater Schicksalsschläge und politischer Erfolge ebenso wie Niederlagen.

Ein Leben, zumal solch ein wechselvolles wie das von Henri Quattre, in einen leinwandkompatiblen Film zu bringen, ist schwer genug. Das merkt man Jo Baiers durchaus ambitioniertem Projekt auch an, dass es besonders am Anfang seltsam zerfahren und sprunghaft wirkt und kaum eine der zahlreichen Nebenfiguren Gelegenheit hat, dem eigenen Charakter Tiefe und Nachvollziehbarkeit zu verleihen. Angesichts eines solch prominenten Casts ist das Ergebnis der schauspielerischen Bemühungen teilweise erschreckend. Als sei man sich der Schwächen des Drehbuchs und der Regie bewusst, versuchen einige der Akteure mit wildem Mienenspiel ihrer Rolle zumindest ein klein wenig mehr an Bedeutung zu verleihen – was in den meisten Fällen entsetzlich danebengeht und manchmal sogar für unfreiwillige Komik sorgt.

Bei der mit Spannung erwarteten Premiere auf der diesjährigen Berlinale wurde der Film ziemlich abgewatscht. Und so sehr einem manchmal auf Filmfestivals das sehr unmittelbare Herausposaunen des Urteils auch auf den Geist gehen mag – ein wenig kann man die Unmutsäußerungen schon verstehen. So bleibt einem eigentlich nur noch der Rückgriff auf Patrice Chéreaus La reine Margot / Bartholomäusnacht aus dem Jahre 1994, der ein differenziertes, spannenderes und überzeugenderes Bild der Ereignisse zeichnet, als dies Jo Baier gelungen ist. Angesichts der enormen Summen, die dieser eigentlich als Prestigeprojekt gedachte Film verschlungen hat, ist das Ergebnis in kaum einer Hinsicht befriedigend. Wer über diese Epoche französischer Geschichte nichts weiß, für den mag der Film eine erste Einführung geben. Aber Hand aufs Herz: Ist das angesichts des enormen Aufwands nicht ein enttäuschendes Ergebnis?

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/henri-4