Seelenvögel

Im Angesicht des Todes

Eine Filmkritik von Silvy Pommerenke

Krebs ist wohl die Erkrankung, die heutzutage eine der häufigsten Todesursachen ist. Wir alle wissen das, verdrängen es jedoch gekonnt. Dies geschieht immer nur den anderen, nicht uns selbst. Dass dies ein Trugschluss ist, beweisen Pauline (15 Jahre), Richard (10 Jahre) und Lenni (6 Jahre). Allesamt haben sie die erschütternde Diagnose "Leukämie", die sie jedoch ihre Lebenshoffnung und ihre Pläne für die Zukunft nicht aufgegeben lässt. Stark sind sie, alle drei, auch wenn sich Lenni mit seinem zusätzlichen Downsyndrom kaum artikulieren kann. Dennoch hat dieser kleine Mensch einen so großen Charme, eine so große Lebensenergie, dass seine Umwelt - vor allem seine Eltern - ihn unglaublich ins Herz schließen. Der Junge kämpft ungemein, ebenso wie sein "Alter Ego", Richard. Gerade mal vier Jahre älter, so reflektiert er doch seine Krankheit überraschend gefasst und schmeißt mit medizinischen Fachbegriffen um sich, wie jemand, der die Zwanzig weit überschritten hat. Zwar behält Richard seine kindliche Ausstrahlung bei, aber er wirkt dabei wie ein Großer: Abgeklärt, aufgeklärt, ausdauernd. Scheinbar nicht kleinzukriegen sind die drei Protagonisten dieses Films. Ebenso wie ihre Eltern. Aber die eigentliche Last bleibt bei den Kranken, das soll nicht vergessen werden und das zeigt Seelenvögel. Vor allem Pauline wirkt sehr beeindruckend, wenn sie lebensphilosophische Weisheiten von sich gibt, die ein Erwachsener kaum besser formulieren könnte. Trotz Lebenserfahrung, Studium oder Karriere. Sie ist es auch, die mit Aussprüchen wie "Es gibt kein richtig & kein falsch, nur ein hier & jetzt!", zu einem Läuterungsprozess des Zuschauers führt. Aber auch Richard mit seinem Ausspruch: "So sehen Sieger aus!" führt zur Nachdenklichkeit des Filmbesuchers. Wie kann ein Zehnjähriger solche Weisheiten von sich geben? Er kann es – auch oder gerade weil er mit seiner Erkrankung auf eine harte Prüfung gestellt wird. Trotz der immer wieder eingestreuten Wunder der Welt, die in Form von Naheinstellungen kleiner Naturspektakel eingeschnitten werden, ist es ein trauriger, unglaublich trauriger Film, der dennoch so lebensbejahend ist, wie es eben geht. Vielleicht hat Pauline Recht mit ihrer Aussage, dass die Seele ein Kristall ist, die mit jeder Erfahrung schöner und größer wird. Mut macht das alle mal.

Seelenvögel ist eine Hommage an das Leben, das unweigerlich den Tod beinhaltet. An die Lebensfreude, die – auch sterbenskranken – Menschen innewohnen kann und sollte. Dabei hat der Regisseur Thomas Riedelsheimer den Blick nur rudimentär auf die Umwelt der sterbenskranken jungen Menschen gelenkt, und vor allem auf die Erkrankten. Und durch deren Kraft und Stärke wachsen auch die anderen und werden nicht nur zu Trauernden und Leidtragenden.

Es soll hier nicht verraten werden, wie es mit den Kindern bzw. der Jugendlichen weitergeht. Nur so viel: Es trifft in's Mark, mitzuerleben, wie die drei im Angesicht des Todes ihr Leben meistern. Eine Leistung, von der sich vermeintlich Gesunde eine große Scheibe abschneiden können und auch sollten.

Das Leben ist kostbar – so die Quintessenz dieses Filmes.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/seelenvoegel