Das Lied von den zwei Pferden

Eine Reise ins Zentrum eines Volkes

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Urna (Urna Chahar-Tugchi) ist eine mongolische Sängerin, die in der Inneren Mongolei (einem autonomen Gebiet innerhalb der VR China) geboren wurde und die sich in Davaas Geschichte auf die Suche nach einem verschollenen Lied macht. Dieses Lied, das von den zwei Pferden des Dschingis Khan erzählte, ist eine uralte Voksweise und befand sich einst als Inschrift auf der Pferdekopfgeige, die ihrer Familie gehört. In den Wirren der chinesischen Kulturrevolution zerbrach die Geige, von der heute nur noch Fragmente erhalten sind. Und mit diesem Unglück verschwand auch der Text des uralten Liedes, das von der einstigen Größe und Macht der Mongolen kündete. Damit dieses Erbe nicht in Vergessenheit gerät, macht sich Unra auf die Suche nach dem Liedtext und bringt die Bruchstücke des Instrumentes zu einem kundigen Geigenbauer, der ihr verspricht, das Instrument wiederherzustellen. Doch sie weiß genau: Nur wenn es ihr gelingt, den Text des Liedes aufzutreiben, ist das Instrument wirklich vollständig. Auf ihrer Reise, die sie von der Inneren in die Äußere Mongolei führt, muss sie jedoch entdecken, dass sich niemand mehr an die Zeilen erinnern kann.

Ein Lied und ein zerbrochenes Instrument als Metapher für den Verlust der kulturellen Identität und eine Reise als Versuch, diese Identität wiederzuentdecken und vor dem Vergessen zu bewahren: Auch in ihrem neuen Film Das Lied von den zwei Pferden widmet sich die aus der Mongolei stammende Regisseurin Byambasuren Davaa wieder den Mythen und Geschichten ihrer Heimat und zeichnet ganz nebenbei ein Bild der heutigen Verfassung des Landes und seiner Bewohner.

Wie schon bei ihren vorherigen Filmen Die Geschichte vom weinenden Kamel und Die Höhle des gelben Hundes bewegt sich Byambasuren Davaa auch in ihrem neuen Werk Das Lied von den zwei Pferden auf vertrautem Terrain (nämlich jenem ihrer für unsere Augen so exotischen mongolischen Heimat) und führt zugleich die Erkundung filmischen Neulandes fort, indem sie ihre Geschichte in den Randbereichen und Schnittmengen von Dokumentar- und Spielfilm ansiedelt. Im Laufe ihres Schaffens hat sich diese Mischform längst zur ureigensten, für sie selbstverständlichen und für den Zuschauer nach wie vor ebenso verwirrenden wie faszinierenden Erzählweise entwickelt. Es ist zu vermuten, dass dieses hybride Gebilde aus Erfundenem und Gefundenem am ehesten dem Weltverständnis jener Gegend nahe kommt, in der sich in den Geschichten und Sagen seit jeher die reale Welt und das Übersinnlichen vermischt haben.

Auch der Erzählrhythmus und die Dramaturgie folgen nach wie vor eher den mongolischen Seh- und Denkgewohnheiten als denen des westlichen Kinos. Und so erfordert Byambasuren Davaas neuer Film viel Geduld und Ruhe, er fordert dazu auf, sich einzulassen auf die fremdartigen Töne und Weisen der mongolischen Musik, den langsamen Schritt und die unendlichen Weiten der Landschaft. Wer bereit ist für solch eine Reise in eine fremde und faszinierende Welt, der wird Das Lied von den zwei Pferden lieben. Eines aber fragt man sich angesichts der bisherigen Filme dieser Regisseurin schon: Wird Byambasuren Davaa jemals einen Film drehen, der nicht von der Mongolei erzählt? Nicht nur darauf darf man gespannt sein.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/das-lied-von-den-zwei-pferden