Hier kommt Lola!

Die Geburt einer ungemein talentierten Darstellerin

Eine Filmkritik von Tomasz Kurianowicz

In dieser Traumsequenz erschöpft sich im Grunde auch schon die Geschichte der Verfilmung Hier kommt Lola!. Als Skript stand das gleichnamige Kinderbuch von Isabel Abedi zur Verfügung, das sich mehr als 1,2 Millionen Mal verkauft hat. Die filmische Übersetzung von Franziska Buch ist allerdings so unentschlossen und unorganisiert ausgefallen, dass die kurz aufblitzenden und manchmal durchaus hervorschimmernden Höhepunkte nicht über das fehlende Tempo der Geschichte hinwegzutäuschen vermögen. Das Drehbuch macht sich über weite Strecken hinweg keine Gedanken darüber, was eigentlich passieren soll, - die permanente Ignoranz eines ‚quo vadis’ also - , sondern sucht narrativen Halt in der Gefühlswelt der orientierungslos-veträumten 9-Jährigen.

Ja, es gibt diese anderen, über die eigentliche Handlung hinausreichenden Themen, die der Film aufgreift, um sie schnell wieder fallen zu lassen: Zum Beispiel das für die Mitwelt fremd wirkende Aussehen des brasilianischen Vaters, der sich gezwungen sieht, mit Lola und seiner Frau aus einer norddeutschen Kleinstadt nach Hamburg zu fliehen. Die Provinz nimmt Anstoß an seiner Hautfarbe, was mit Schmierereien an seiner Häuserwand auf primitive Weise endet. Dafür kann der brasilianische Papa in Hamburg endlich sein Lebensprojekt verwirklichen: Er entschließt sich dazu, ein Restaurant zu eröffnen. Der Zuschauer partizipiert am Entstehungsprozess dieses gastronomischen wie auch persönlichen Freiheitsversuchs, doch eine wirkliche strukturelle Auseinandersetzung mit der Fremdenfeindlichkeit bleibt unangetastet. Schade. Auch die Gehässigkeiten der Mitschüler Lolas, die sich an die "Neue" erst gewöhnen müssen, sind zwar konsistent, wirken allerdings zu dürr und eindimensional ausgearbeitet, um in Gänze den Zuschauer ins Geschehen hineinreißen zu können.

Als Antagonist, als bad girl der Geschichte sozusagen, fungiert eine merkwürdige Mitschülerin Lolas, dessen Borstigkeit bei der ersten Begegnung die Neu-Zugezogene zurückschrecken lässt. Aber auch hier vertauschen sich vormals gepflegte Gewissheiten: Lola gewinnt ein größeres Verständnis für das, was wirklich zählt und - wie wir Erwachsenen ebenfalls zu lernen haben – wie sehr der erste Eindruck täuschen kann. Diese moralische Belehrung wirkt im Prinzip nicht uncharmant, als Bindeglied für ein 90-minütiges Werk ist das aber einfach zu wenig. Auch die teilweise dilettantisch und – so weit muss man gehen – fast lieblos anrangierten Gesangseinlagen sind vor allem kompositorisch fad und kommen eher peinlich als bereichernd daher.

Schauspielerisch zeigt Julia Jentsch als Mutter Lolas gutes Handwerk. Umso deutlicher fällt der Kontrast zu Nora Tschirner auf, die eine überarbeitete underdog-Mutter spielt, die sich ihr tägliches Brot in einer Fischbratküche hart erarbeiten muss. Es ist geradezu erschreckend, wie gelangweilt Tschirner wirkt, so als ob sie uns permanent unter die Nase reiben würde, dass dieser Film nichts weiter als ein klassisches Auftragswerk für sie sei. Dennoch sollte jedem dringend geraten sein, die offensichtlichen Schwächen des Films nicht gegen die junge Hauptdarstellerin Meira Durand zu wenden. Sie ist der größte Gewinn dieser Produktion, eine charismatische Persönlichkeit, die dafür verantwortlich zeichnet, dass sich eben doch diese kurzen Momente der Faszination einstellen, von denen man sich mitgenommen und hingerissen fühlt. Immerhin das: Hier kommt Lola! kündigt zwar nicht die lang ersehnte Entstehung einer entzückenden Kinderbuchverfilmung an, dafür aber die Geburt einer ungemein talentierten und überzeugenden Darstellerin, die selbst Nora Tschirner in den Schatten spielt. Und das ist vielleicht mehr, als man verlangen kann.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/hier-kommt-lola