Wiegenlieder

Wie die Eltern sungen...

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Auch dieses Mal geht es wieder um Menschen und deren Schicksale. Ein Wiegenlied, so philosophiert der Film, sollte die erste musikalische Verbindung zur Welt sein – eine universelle und zugleich zutiefst persönliche Erfahrung, gekoppelt an die Mutter, die einem vorsingt. Das Lied als Beginn der Lebensgeschichte, selbst als Erwachsener kann man sich an dieses Lied oder zumindest an Bruchteile erinnern. Vorausgesetzt es wurde einem jemals eines vorgesungen. Mit der Frage nach diesem Anfang beginnen die beiden Filmemacher die Lebensgeschichten verschiedener Berlinbewohner zu erzählen. Da ist zum Beispiel Komponist Helmut Oehring, der nie in den Genuss kam seine Mutter singen zu hören – seine Eltern sind gehörlos. Oder Detlef, im Knast geboren, dann ins Heim gekommen und schließlich zu einer Pflegefamilie geschickt, die ihm trotz allem keine Wärme gab. Santos, Heimkind mit Knasterfahrung, der gerade selbst zum Vater geworden ist und nun all seine Sehnsucht auf seinen Sohn projiziert, in der Hoffnung, dass dieser ihn nicht eines Tages im Stich lassen wird. Zu Wort kommen auch Apti Bisultanov, einst Vizeminister in Tschetschenien und Poet, dessen Seele im Krieg so gelitten hat, dass nur noch ein Stofftier an seine glücklichen Kindertage von einst erinnern. Doch dann ist da auch noch Mila, selbst noch Kind und geradeso an der Schwelle zur Pubertät werden, voller Träume und Wünsche und Lieder.

Die Protagonisten und ihre Geschichten sind bunt gemischt und multikulturell. Die Wiegenlieder kommen aus aller Herren Länder. Zwischen den sezierten Interviewsequenzen zeigen Trampe und Feindt immer wieder atmosphärische Bilder aus Berlin. Die Zwischenschnitte allein erzählen viel über diese Stadt und sind dermaßen gefühlsgeladen, dass sie fast eine Geschichte in der Geschichte erzählen: die emotionale Erlebnisse einer ständig geschäftigen Stadt und ihrer Bewohner, alle gehetzt vom modernen Leben und ihren eigenen Lebensgeschichten. Je weiter die Dokumentation diese Bewohner beobachtet und teilweise auch bewusst inszeniert, desto mehr verliert sich aber der rote Faden. Man mag die Technik, die hier verwendet wird, gern als Bildercollage mit Work in Progress-Charakter bezeichnen und wahrscheinlich ist es Absicht, dass die Geschichten sich ab und an verstricken und verlieren. Trotzdem oder gerade deswegen bleibt man unbefriedigt zurück. Viele Fragen stehen im Raum – viele Antworten bleiben aus. Unangenehm ist es Tamara Trampe beim Interviewen zu zuhören. Ihr Befragungsstil hat ab und an Verhörcharakter; in hochgradig emotionalen Augenblicken drängt sie mit unter ihre Gesprächspartner zum Antworten, andere Male lässt sie sie gar nicht erst ausreden. Sensiblen Zuschauern kann das die Atmosphäre schon verderben und es lenkt des Öfteren den Fokus von den Protagonisten auf die Interviewerin und damit weg vom eigentlichen Zentrum des Interesses.

Insgesamt ist Wiegenlieder eine expressive Bilderzählung, deren starke, raue Bilder und die polyphone Musikcollage aus Schlafliedern und anderen Großstadtgeräuschen allemal die schwächeren dokumentarischen Augenblicke aufzufangen vermag.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/wiegenlieder