A Film Unfinished

Geheimsache Ghettofilm

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Das damalige Filmteam sollte Aufnahmen im Ghetto machen, die später als Propagandafilm in den Kinos laufen sollte. Ziel war es den krankhaften und bösen jüdische Charakter zu porträtieren, den die Nazis diesen Menschen bescheinigt hatten. Wie also kann man Filmbilder, die mit solch einem Auftrag gefilmt wurden als dokumentarisch verstehen? Wo ist die Grenze zwischen Inszenierung und Wahrheit? Diesen Fragen geht der Film über den Film nach. Sorgfältig trennt Yael Hersonski in ihrer Dokumentation Fakt von Fiktion. Sie lässt Überlebende des Ghettos das Material betrachten und verifizieren, welche Teile echt und welche gestellt waren. Und auch die Toten aus Warschau kommen zu Wort. Anhand zahlreicher Aufzeichnungen von Ghettobewohnern, die mit der Vorahnung des Todes alles noch so kleine in ihrem Leben dokumentierten, erarbeitet sich langsam ein Bild über die Umstände des Filmes. Viele Sequenzen, so stellt sich heraus, waren immer und immer wieder geprobt worden. Es sollte, so das Propagandaministerium, der Unterschied gezeigt werden zwischen den reichen Juden, die selbst im Ghetto in Saus und Braus leben und den ärmeren, welche unter den Augen ihrer reichen Mitbürger verrecken. So ließen Offiziere Juden unter Gewaltandrohung in ein Restaurant kommen, in dem die noch halbwegs gut Genährten lustige Abende bei Fleisch und Wein fingieren mussten.

Neben alle dem hat der Film aber auch das tatsächliche Leiden eingefangen. Yael Hersonski betrachtet da vor allem den Hintergrund der Filmbilder, die kleinen Fetzen Realität, die sich hinter den Inszenierungen befinden. Gemeinsam mit dem Zuschauer arbeitet sie sich durch alle sechs Filmrollen und seziert in einer Mischung aus historischer Aufarbeitung und Filmanalyse bis ins Detail. Sie macht sich sogar an eine siebte Rolle heran, die nur aus Filmresten besteht und eindeutig belegen kann, wie Aufnahmen immer wieder wiederholt und aus verschiedenen Winkeln gedreht wurden. Dabei gelingt ihr noch ein weiterer kleiner Coup: auf manchen sind die Filmemacher selbst zu sehen, die somit unfreiwillig selbst zu einem dokumentarischem Gut werden und sich nicht länger hinter der Kamera verstecken können.

Die intensive Auseinandersetzung mit dem Filmmaterial ist für den Zuschauer Schwerstarbeit. Man will ja eigentlich nicht so genau hinschauen, wenn ausgemergelte Kinder durchs Bild laufen und sich die Leichen auf der Straße stapeln. Doch genau das lässt der Film nicht zu. Er zwingt den Blick auf das so gern missachtete Detail.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/a-film-unfinished