The Doors - When You're Strange

Zünde mich an!

Eine Filmkritik von Peter Gutting

So ist das mit Ikonen: Sie sterben nie. Zum Grab von Jim Morrison, Frontmann der legendären Rockband "The Doors", pilgern noch immer Zigtausende. Und in dem Musikfilm von Tom DiCillo feiert der skandalerprobte Sänger eine grandiose Wiedergeburt. Die Dokumentation aus unveröffentlichtem Archivmaterial besticht durch emotionalisierende Live-Auftritte ebenso wie durch ihren informativen Gehalt.
Spielfilmregisseur Tom DiCillo (Living in Oblivion) lässt in seiner ersten dokumentarischen Arbeit sechs Jahre Musikgeschichte lebendig werden - von der Gründung der epochemachenden Band bis zum Tod Morrisons im Jahr 1971. Er tut dies, indem er auf heutige Interviews verzichtet und sich allein auf alte Konzert- und Studioaufnahmen, auf damalige Gespräche und sonstiges Archivmaterial verlässt. Gerade weil der Film so tief in die Vergangenheit eintaucht, verleiht er seiner Geschichte einen überraschend frischen Look. Es kommt einem vor, als sei man dabei gewesen. Aber das ist natürlich nur eine dramaturgisch sinnvolle Täuschung. Die Geschichte wird aus der Rückschau interpretiert, daran lässt der Kommentar aus dem Off (gesprochen von Johnny Depp) keinen Zweifel. Das Schöne daran: Die Erzählung ist geschlossen genug, um sich zu einer Geschichte zu fügen. Aber offen genug, um jedem Zuschauer seinen eigenen Reim zu ermöglichen. Chronologisch aufgebaut, entpuppt sich die Geschichte der Doors als Drama, spannend wie eine Spielhandlung.

Trotz seines dichten Informationsgehalts lässt der Film den Doors und ihrem Sänger das Mysterium, das sie schon immer umgab. Keyboarder Ray Manzarek, Gitarrist Robby Krieger, Schlagzeuger John Densmore und Frontmann Morrison waren die ersten, die eine dunkle, morbide, psychedelische Saite der Rockmusik anschlugen. Die Wucht experimentell-exzessiver Stücke wie The End oder When the Music’s over wurde zu ihrem Markenzeichen – gemeinsam mit eingängigeren Nummern wie Light my Fire oder Riders on the Storm. Das Geheimnis ihres Erfolges beschränkt sich jedoch nicht auf den eigenständigen Sound, den sie in der Aufbruchsphase Mitte der 1960er Jahre kreierten. Entscheidend war wohl die Kompromisslosigkeit, mit der sich Morrison in seine Gedichte, Songtexte und sein Leben als Rockstar stürzte – wobei er sich mehr als nur die Finger verbrannte. Light my Fire, zünde mein Feuer an, dieses Motto kam tief aus der Seele. Ob sich der Brand auch wieder löschen ließ, schien ihn nicht zu interessieren.

Vielleicht begreift man den Zeitgeist am besten, wenn man sich die Anfänge vor Augen führt. Da treffen sich zwei ehemalige Filmstudenten wieder. Der eine, Ray Manzarek, macht hobbymäßig Musik. Der andere, Jim Morrison, schreibt nebenher Gedichte, die auch als Songtexte durchgehen. Sagt der eine zum anderen: "Deine Texte gefallen mir, komm doch’ mal zur Probe." Kaum eineinhalb Jahre später ist aus dem schüchternen Jungen mit dem Engelsgesicht eine Pop-Ikone und ein Sexsymbol geworden. Einfach deswegen, weil er seiner inneren Stimme und dem Lockruf von LSD folgte - alle äußeren Regeln oder Verbote bewusst verhöhnend. Dabei nicht größenwahnsinnig und süchtig nach Anerkennung zu werden, ist schwer. Es schien einfach alles möglich in dieser Zeit der Befreiung, in der eine rebellische Jugend die alten Autoritäten zum Teufel jagte und eine Kulturrevolution anzettelte, bei der kein Stein auf dem anderen bleiben durfte.

Jim Morrison habe Himmel und Hölle in sich vereinigt, heißt es einmal in The Doors – When You’re Strange. Das ist treffend formuliert. Und wird durch die Bilder eindrucksvoll erzählt. Wie sanft und unschuldig dieser junge Mann in die Kamera lächeln kann und wie er wenige Jahre später im Rausch auf der Bühne zusammenbricht – das verleiht seinem Schicksal tragische Wucht und dem Film emotionale Dichte. Fast möchte man einwenden, es sei schließlich kein Naturgesetz gewesen, dass Janis Joplin, Jimi Hendrix und Jim Morrison exakt im selben Alter von 27 Jahren starben. Immerhin fanden bedeutend mehr Musiker den Weg aus der Drogensucht, als ihr zum Opfer fielen. Aber dann lehnt man sich zurück und lässt sich von der Feuer-Symbolik faszinieren, mit der der Film spielt: Vor dem Verbrennen ist niemand gefeit. Es sei denn, der Funke zündet erst gar nicht.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer-streaming/the-doors-when-youre-strange