The Killer Inside Me

Der Psychokiller mit dem Sheriffstern und dem Engelsgesicht

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Diese dunkle Seite Lous kommt endgültig zum Ausbruch, als er auf die Hure Joyce Lakeland (Jessica Alba) trifft, mit der er ein Verhältnis beginnt. Die junge Frau, die in der wohlanständig bigotten Gesellschaft von Central City eine Aussätzige ist, die weit außerhalb der Stadt lebt, sehnt sich nach Anerkennung. Die Stadtoberen hingegen wollen das leichte Mädchen möglichst bald loswerden, denn Joyce betätigt sich nebenbei als Erpresserin. Ausgerechnet Lou soll den Willen der Mächtigen von Central City vollstrecken. Der hat aber seine ganz eigenen Pläne, um seinem alten Widersacher Chester Conway (Ned Beatty) eines auszuwischen. Und diese Pläne zieht er mit aller Entschlossenheit und Rücksichtslosigkeit durch...

Leider geht nicht nur Lou mit aller Brutalität vor, sondern auch der Regisseur Michael Winterbottom, der sonst eigentlich eher ein Meister der leisen Zwischentöne ist. Seine Verfilmung des gleichnamigen Pulp-Romans von Jim Thompson sorgte bereits in Sundance und dann wenig später auf der Berlinale aufgrund der überaus expliziten Gewalttätigkeiten für einige Kontroversen, die aber nicht verdecken konnten, dass der Film im Oeuvre von Winterbottom den bisherigen Tiefpunkt markiert.

Trotz eines formidablen Casey Affleck, einer sehenswerten Besetzung mit Ned Beatty, Elias Koteas, Jessica Alba und Bill Pullman, stilsicher in Szene gesetzter Fünfzigerjahre-Atmosphäre und schockartig eingesetzten Gewaltausbrüchen, lässt einen die Geschichte von The Killer Inside Me merkwürdig kalt, empfindet man niemals so etwas wie Mitleid oder Empathie mit dem offensichtlich schwer gestörten, aber dennoch stets kühl kalkulierenden und manipulierenden Lou oder mit den Opfern.

Über die Gründe für den bemerkenswerten Fehlgriff Winterbottoms kann man nur spekulieren. Vermutlich dürfte aber die literarische Vorlage nicht ganz schuldlos sein. Beinahe schon sklavisch hält sich der Film an den Ton und die Struktur des Buches, ohne dabei dessen Fähigkeit zum Einblick in eine zutiefst gestörte Seele adäquat umzusetzen. Der Killer mit dem Engelsgesicht bleibt so trotz des Off-Kommentars des Killers eine reine Behauptung, die niemals psychologisch plausibel wird, sondern bis zuletzt als reines Konstrukt erkennbar bleibt, als Monster, das weniger den eigenen Trieben als vielmehr allein dem Willen seines Schöpfers folgt.

Der mit deutlich sichtbaren Digitaleffekte realisierte Schluss, der zumindest versucht, ein emotionales Schlussbild zu setzen, das man nicht so schnell vergisst, verpufft angesichts dieser deutlichen Schwächen nahezu wirkungslos und verfestigt den Eindruck, dass Neo-Noir nicht unbedingt zu Winterbottoms Stärken gehört.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/the-killer-inside-me