Mary & Max - oder: Schrumpfen Schafe, wenn es regnet?

Knetmasse macht traurig, glücklich, lebensvoll: Hier ist der Beweis.

Eine Filmkritik von Rochus Wolff

Mary Daisy Dinkle lebt in einem kleinen Kaff in Australien; ihre Mutter ist Alkoholikern, ihr Vater stanzt am Fließband die kleinen Stoffbänder an Teebeutel, in seiner Freizeit stopft er im Gartenhaus tote Vögel aus. In New York ist Max Jerry Horowitz oft von den emotionalen Ausbrüchen und Ansprüchen seiner Mitmenschen verwirrt ("People often confuse me"), meist reagiert er darauf mit erhöhtem Schokoladenkonsum. Es verwundert kaum, dass auch er, wie Mary, keine echten Freunde hat.
Wir schreiben das Jahr 1976, und dass das kleine Mädchen aus Mount Waverley und der übergewichtige Mann überhaupt miteinander in Berührung kommen, grenzt an ein Wunder bzw. entspringt einem narrativen Trick, in dem sich die skurrile, träumerische Grundstimmung von Mary & Max widerspiegelt: Immer ein wenig schräg zur Realität, immer etwas überzeichnet.

Mary schreibt nämlich einfach einen Brief an Max, weil sie niemanden hat, dem sie all ihre Fragen stellen kann: Also fischt sie einen Namen fast wahllos aus dem Telefonbuch im Postamt, und fragt: Woher in Amerika die Babys kommen, was sie gegen die Hänseleien tun kann, denen sie in der Schule ausgesetzt ist. Da Max zwar von einfachem Gemüt und Geist ist, zugleich aber ein konzentrierter, intelligenter und gründlicher Mensch, erweist er sich für die einsame Mary als perfekter Briefpartner.

Mary & Max wirkt auf den ersten Blick wie ein amüsantes Märchen – was sicherlich zu allererst daran liegt, dass es sich um einen Trickfilm handelt, der vollständig mit Knetmasse modelliert wurde, ganz in der Tradition der Aardman Studios oder etwa des großartigen Coraline von Henry Selick; vor allem und spezifischer ist Mary & Max jedoch eine Weiterentwicklung, in Thema, Ton und Form, von Adam Elliots mit einem Oscar ausgezeichneten Animationskurzfilm Harvie Krumpet.

Auch darin ließ Elliot seinem im Titel genannten Protagonisten schon Krankheiten und bizarre Unfälle widerfahren; gestorben wird viel, und das Ende, so hoffnungslos es auch wirken mag, ist doch mit Lebenslust prall gefüllt. So ähnlich (vom Ende sei gleichwohl noch nichts verraten), aber noch subtiler findet man das auch in Mary & Max, das seine unmögliche Geschichte von unwahrscheinlichster Freundschaft im Gewand einer tiefschwarzen Komödie versteckt, die doch vor allem eines will: Die Vielfalt des Lebens feiern, vor allem in jenen Ecken, in denen abseitige Gedankententakel menschlichen Gehirnen zu entweichen scheinen.

Elliot inszeniert das nicht nur über seine Protagonisten, sondern auch über eine Reihe von exzentrischen Nebenfiguren und stets traurig blickenden Tieren. Vor allem aber gelingt es ihm, zugleich Distanz zu wahren und aufs schmerzlichste zu berühren, indem er verschiedene Narrationsinstanzen zugleich einrichtet.

Da ist zunächst ein klassisch allwissender Erzähler (im Original von Barry Humphries gesprochen), der im Grunde dafür zuständig ist, die Handlung überhaupt erst in ihren Zusammenhängen herzustellen; oft scheint es gar so, als seien die Bilder eher schmückendes Beiwerk. Allerdings ergibt sich gerade aus dem Wechselspiel von Bildern und Text – sparsam, aber hochgradig effektiv durch Musik unterstützt und konterkariert – jener ironische, lakonische und eben doch zugleich eng den Figuren verbundene Grundton, innerhalb dessen sich Film und Wort fortwährend gegenseitig kommentieren.

Die Stimmen von Max (gesprochen von Philip Seymour Hoffman) und Mary (mit den Stimmen von Bethany Whitmore und Toni Collette) bekommen wir immer nur dann zu hören, wenn sie aus den Briefen sprechen. Das ist vor allem deshalb so irritierend, weil es nahezu keine direkte Interaktion zwischen zwei Figuren mittels gesprochener Worte gibt – Dialoge kennt Mary & Max praktisch nicht. Der Film vermittelt so auf der formalen Ebene, was seine beiden Protagonisten umtreibt und einander suchen lässt: In ihrer beiden Welten ist direkte, emotionale Zuwendung die Ausnahme, nicht die Regel.

Die gleiche Aufmerksamkeit, die der Filmemacher auf Erzählung und Erzählton verwandte, findet sich auch in der Gestaltung der Sets wieder: Liebevolle kleine Details sind da immer wieder zu finden, von Überfrachtung freilich keine Spur. Die verschiedenen Orte sind durch farbliche Grundtöne deutlich voneinander abgegrenzt, und Farbtupfer sind wie Schreie nach und von Leben in diese braunen und grauen Welten hineingesetzt.

Adam Elliot ist mit Mary & Max ein überraschendes kleines Meisterwerk gelungen, das wieder einmal beweist, wozu das gerne als Kinderunterhaltung belächelte Animationskino abseits von Effektgewitter wirklich imstande ist. Denn wenn die Erzählerstimme davon berichtet, dass Mary und Max sich gegenseitig viel zu geben haben – "each nourished the other" –, dann hat man längst vergessen, dass da nur Knetfiguren einander Briefe schreiben; und ehe man es sich versieht, wird man hineingerissen in Momente großer Traurigkeit und stillen Glücks.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer-streaming/mary-max-oder-schrumpfen-schafe-wenn-es-regnet