Nostalgia de la luz

Von Sternenstaub und Knochensplittern

Eine Filmkritik von Kirsten Kieninger

Für den chilenischen Filmemacher Patricio Guzmán ist die Atacama-Wüste Ausgangspunkt für einen Film-Essay, der gleichermaßen poetisch wie politisch ist. Allerdings dauert es eine ganze Weile, bevor die politische Komponente in Nostalgia de la luz sichtbar und thematisiert wird. Der Film beginnt mit ästhetisch überwältigenden Bildern der Wüste, der Sternwarten und des Kosmos; ganz so, als sei die Faszination des Universum und die Wissenschaft der Astronomie seine ganze Thematik. Der Film lässt sich Zeit für seine Bilder und der Regisseur spinnt ein feines Netz an Fakten, Beobachtungen und Gedanken, transportiert in seinem selbst gesprochenen poetischen, fast meditativ wirkenden Off-Text. Astronomie und Archäologie werden zu Metaphern für Gegenwart und Erinnerung, Vergangenheit und Geschichte. "Woher kommen wir?" ist gleichzeitig die Frage nach dem Ursprung des Universums, wie auch nach den persönlichen Geschichten von Menschen, die an die politische Vergangenheit des Landes gekoppelt sind.

Patricio Guzmán hat mit seinem Filmschaffen die Rolle des kinematographischen Gedächtnisses Chiles übernommen. In Filmen wie Salvador Allende und Der Fall Pinochet dokumentierte er immer wieder die Geschichte seines Landes. "Ein Land ohne dokumentierte Geschichte ist wie eine Familie ohne Familienfoto" ist sein Credo auf seiner Website. In Nostalgia de la luz liefert ihm nun die Atacama-Wüste mit ihren scheinbar disparaten Phänomenen die Metaphern für eine erneute Auseinandersetzung mit der chilenischen Vergangenheit, die auch ihn geprägt hat. Er war einer jener 40.000 Menschen, die nach der Machtergreifung Pinochets 1973 im Nationalstadion zwei Wochen lang festgehalten und mit Scheinhinrichtungen bedroht wurden. Während der 17 Jahre der Diktatur Augusto Pinochets verschwanden immer wieder Menschen. In der Atacama-Wüste wurden die Baracken der Minenarbeiter zu Konzentrationslagern umfunktioniert, der Wüstenboden wurde zum Massengrab.

Während heute Astronomen aus aller Welt in den Himmel über der Atacama-Wüste sehen, suchen einige einheimische Frauen seit 28 Jahren im Wüstenboden nach Spuren ihrer verschwundenen Männer. "Ich wünschte, die Teleskope würden nicht nur den Himmel betrachten, sondern auch die Erde durchdringen können, um sie zu finden", sagt eine von ihnen. Während die Wissenschaftler das Universum begreifen wollen, will sie nur verstehen, warum ihr Mann sterben musste. Das Graben ist über die Jahre zu einer Obsession geworden. Eine junge Astronomin ist Tochter von "Verschwundenen", sie hat Frieden mit der Vergangenheit geschlossen und schaut positiv in ihre Zukunft. Ein alter Mann hat mehrere Konzentrationslager überlebt. Er hat sich jede Einzelheit eingeprägt und kann genaue Lagepläne zeichnen. Er will die Erinnerung bewahren.

"Diejenigen, die sich erinnern, sind in der Lage, im fragilen Moment der Gegenwart zu leben. Diejenigen, die sich nicht erinnern, leben nirgendwo." Mit Nostalgia de la luz hat Patricio Guzmán einen essayistischen Dokumentarfilm geschaffen, der die Grenzen zwischen politischer Spurensuche und metaphysischer Betrachtung transzendiert und der seine Wirkung durch die ruhige Kraft seiner Bilder und die besonnene Poesie seines Off-Textes entfaltet. Wie die funkelde Vielfalt der schwebenden Staubkörner im Licht, blitzen im Film anklagende, versöhnliche, erschreckende und tröstende Aspekte auf. Die Unendlichkeit des Kosmos, die Vergänglichkeit des Lebens und die Frage, woher wir kommen: In der Atacama-Wüste treffen sie aufeinander.

Am Ende des Films hat Guzmán noch ein Treffen der suchenden Frauen mit dem Astronom herbeigeführt, der ihnen in der Sternwarte das Teleskop erklärt. Dieses konkreten Aufeinandertreffens hätte es gar nicht bedurft. Die Filmerzählung ist in ihrer abstrakten Metaphorik so bestechend (in manchen Momenten vielleicht auch etwas pathetisch), da wirkt dieser konkret geschaffene Moment lediglich wie ein Anhängsel. Insgesamt jedoch überzeugen die Anteilnahme, die Ernsthaftigkeit und der Respekt, die der Regisseur seinem Thema entgegenbringt genauso wie die filmische Form, die er dafür gefunden hat.

Nostalgia de la luz ist nominiert für den Europäischer Filmpreis 2010 in der Kategorie Dokumentarfilm (in Konkurrenz zu Armadillo und Steam of Life – Miesten Vuoro), der am 04. Dezember vergeben wird.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/nostalgia-de-la-luz