Mr. Nice

Keine Macht den Drogengesetzen!

Eine Filmkritik von Sebastian Wotschke

n sind Schall und Rauch; das gilt erst recht für Spitznamen.  Und dennoch kennt man den (Anti-)Helden dieses Films weniger unter seinem bürgerlichen Namen – der lautet recht profan Howard Marks - , sondern vor allem unter seinem nom de guerre "Mr. Nice".  Hinter dieser trügerischen  Bezeichnung verbirgt sich aber keineswegs der nette Mann von nebenan, sondern der wohl berühmteste Drogenschmugglers der Geschichte. Sein wahnwitziger Lebenslauf beinhaltet über 40 verschiedene Decknamen, zahlreiche Firmen (zur Tarnung) und Kontakte zu britischen Geheimdienste,  zur Mafia, sowie zur Irish Republican Army, der IRA. Nie war jemand unverschämter, skrupelloser und gerissener, was den internationalen Drogenhandel betrifft. Da Marks’ Lebensgeschichte ebenso kriminell wie unterhaltsam ist, ist es nicht verwunderlich, dass seine Biographie zu einen veritablen Bestseller wurde und seine Live-Auftritte heute noch in ausverkauften Hallen stattfinden. Regisseur, Autor, Kameramann und Cutter Bernard Rose (Die Kreutzersonate, Ludwig van B. – Meine unsterbliche Geliebte) versucht dieser Karriere nun filmisch ein ebenso spektakuläres Denkmal zu setzen – ein Unterfangen, das trotz des unbestreitbar hohen Unterhaltungswertes der wahren Geschichte nur teilweise gelingt.
 
Den Rahmen der Geschichte bildet einer von Howard Marks (Rhys Ifans) zahlreichen Auftritten, bei dem er sein bisheriges Leben noch einmal Revue passieren lässt. Aufgewachsen in einem konventionellen Elternhaus in dem abgelegenen Kaff Kenfig Hill, das von Kohleabbau geprägt ist, hat Howard zwar nur wenig Freunde, aber (immerhin) herausragende Noten in der Schule. Dank eines Stipendiums schafft er es in den 60er Jahren an die Oxford University. Und dort lernt er nicht nur die Vorzüge gehobener Bildung kennen, sondern erweitert auch auf andere Weise seinen geistigen Horizont: Zum ersten Mal macht der unerfahrene Howard dort Erfahrungen mit Drogen, die seine Sicht auf die Welt für immer verändern. Auch wenn der Herointod eines Kommilitonen zunächst dazu führt, dass Howard sich komplett auf sein Studium konzentriert und anschließend einen Job als Lehrer annimmt, kann er diesem öden Leben als braver Pädagoge nicht lange etwas abgewinnen und nimmt schnell erste Aufträge als Drogendealer an. Mit Hilfe des IRA-Mitglieds Jim McCann (David Thewlis) verschifft er Drogen von Afghanistan über Irland nach Großbritannien.
 
Berauscht von seinem großen Erfolg, fasst Howard den Entschluss, auch den amerikanischen Drogenmarkt für sich zu erobern, jedoch fliegt der Deal auf und er wird verhaftet. Seine Verbindungen zum britischen Geheimdienst MI:6 sorgen aber dafür, dass er schnell wieder auf freien Fuß kommt. Unter seinem neuem Decknamen "Mr. Nice" macht Howard weiterhin im Untergrund Karriere und verbringt mit seiner Lebenspartnerin Judy (Chloë Sevigny) und ihren gemeinsamen Kindern ein Leben in Saus und Braus. Als er ein weiteres Mal nur knapp dem Gefängnis entkommt, verspricht er seiner Familie, sich zukünftig vom Drogenhandel fernzuhalten. Doch Howard liebt nun mal das Risiko und ein großer Coup steht kurz bevor...
 
Bernard Roses Umsetzung der atemlosen Vita von Howard Marks weiß mit ihren visuellen Einfällen durchaus zu gefallen und zieht den Zuschauer schnell in ihren Bann. Beginnend mit der schönen Idee des Live-Auftrittes wird die Jugendzeit von Howard Marks (übrigens durchgehend von Rhys Ifans verkörpert) in nostalgischen Schwarz-Weiß-Bildern präsentiert. Erst als Howard das erste Mal an einem Joint zieht, kommt Farbe nicht nur in sein Leben, sondern auch in den Film. Ist der Auftakt noch von weiteren Ideen und einem hohen Tempo gekennzeichnet, geht dem Film im weiteren Verlauf leider ein klein wenig die Luft aus. Dass sich der Zuschauer trotzdem nicht von Mr. Nice abwendet, ist vor allem den unglaublichen (und dennoch wahren) Begebenheiten zu verdanken, die dem sympathischen Antihelden widerfahren. Zu absurd und spannend sind Howards Marks Aktionen, so dass man gar nicht anders kann, als gebannt im Kinosessel zu verharren und dem verrückten Treiben amüsiert beizuwohnen.
 
Natürlich müssen wie so oft bei der Verfilmung einer Biographie zahlreiche Zugeständnisse gemacht und Kürzungen vorgenommen werden, so dass diverse Lebensabschnitte stark verdichtet wurden oder gar nicht erst Raum finden. Klar, dass ein Buch hier ausführlicher, präziser und ausgewogener sein kann als ein Film, der ja auf einen Laufzeit von eineinhalb bis zwei Stunden beschränkt ist. Einige dieser Abänderungen sind zu verschmerzen und notwendig, warum allerdings beispielsweise die titelgebende Geschichte um den Decknamen "Mr. Nice" der wahren Begebenheit unnötigerweise so stark widerspricht, weiß wohl nur Bernard Rose selbst.
 
Getragen wird der Film von den Charaktermimen Rhys Ifans (Greenberg, Radio Rock Revolution), der eine gewohnt souveräne und sogar spektakuläre Darstellung zeigt. Ifans spielt Howard Marks nicht. Nein, für 2 Stunden IST er der weltberühmte Drogendealer. Souverän meistert der Schauspieler die zahlreichen absurd komischen Momente des Films ebenso wie die dramatisch emotionalen, seine sehenswerte Darbietung ist ein echter Gewinn und ein großer Pluspunkt für den Film. Auch wenn Mr. Nice wie zu erwarten vor allem eine One-Man-Show ist, verkommen die übrigen Rollen trotzdem nicht zu reinen Stichwortgebern. Chloë Sevigny (My Son, My Son, What Have Ye Done, Zodiac – Die Spur des Killers) bleibt zwar vergleichsweise blass, David Thewlis (Veronika beschließt zu sterben, Der Junge im gestreiften Pyjama) aber legt in der Rolle des durchgeknallten IRA-Führers einen geradezu kultigen Auftritt hin, den man so schnell nicht vergisst.
 
Zwar übt der Film durchaus Kritik an der aktuellen Drogengesetzgebung, eine Glorifizierung illegaler Substanzen findet aber trotzdem nicht statt. Trotz der Komik, die sich als roter Faden durch den Film zieht, werden auch die Schattenseiten (nicht nur jene des Drogenkonsums, sondern auch die des Drogenhandels) deutlich gemacht. Zu keinem Zeitpunkt erhebt Mr. Nice auf penetrante Weise den Zeigefinger und versucht nicht zu moralisieren, was angesichts des zu erwartenden Publikums auch eher kontraproduktiv sein dürfte – genießt der Mann doch in alternativen Kreisen durchaus Kultstatus. Und so bleibt es ganz und gar dem Zuschauer selbst überlassen, was er von dem durchaus sympathischen Howard Marks und seinen kriminellen Aktionen halten soll.
 
Alles in allem lebt Mr. Nice von der verrückten Vita des Drogenschmugglers und von seinem phantastischen Hauptdarsteller Rhys Ifans. Die filmischen Möglichkeiten hingegen nutzt der Film zwar nicht zur Gänze aus; für unterhaltsame 120 Minuten ist dennoch gesorgt.
 

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/mr-nice